Nach 208 Tagen ...
- georgunbehaun
- Mar 31, 2022
- 3 min read

… können wir ein Fazit zur griechischen Sehnsuchtsinsel Santorin ziehen. Und das hat eine Menge mit Einbahnstraßen, Eiern und viel weißer Farbe zu tun. Aber der Reihe nach.
Santorin - nach der heiligen Irene benannt, wer immer das auch war - ist eine Insel der griechischen Kykladen, 60 Kilometer nördlich von Kreta. Es ist neben der Akropolis das berühmteste Fotomotiv des Landes des Souvlaki, des Sirtaki, der Steuerhinterziehung und des Ouzo auffe Hausse.
Die kleine Insel in der Südägäis war in grauer Vorzeit ein riesiger Vulkan, der dann aber aufgrund seines wachsenden Gewichts eingebrochen war und den berühmten Caldera-Ring bildete, an dessen Rand heute der gepflegte Jetset-Schnösel seinen Schampus bei Sonnenuntergang schlürft.
Weiße höhlenartige Behausungen schichten sich unregelmäßig an den Steilhängen auf und bilden mit ihren niedlichen kleinen Gassen ein pittoreskes Labyrinth, in dem kein Weg zur Sackgasse wird. Daher findet man in der griechischen Sprache auch kein Wort dafür (okay: stimmt nicht, wäre aber nachvollziehbar).
Dazwischen tupft sich leuchtendes Dunkelblau als Akzentuierung in das Meer aus Weiß, meist an Kirchen und Kapellen, die es hier häufiger als Bushaltestellen gibt.
Was gibt’s noch? Die Bilderbuch-Städtchen Firá und Oiá. Und Tragesel. Und wässrigen, überteuerten Rebenfusel, neben dem die schwäbische Wein-Plörre namens Trollinger wie eine marmeladige Fruchtbombe rüberkommt. Das war‘s dann auch eigentlich. Oder wie der Belgier zu sagen pflegt: nichts, um darüber nach Hause zu schreiben.
Bin ich jetzt zu böse? Ja, vielleicht ein klein wenig. Ist schon ganz schön schön, die Insel, mit ihren steilen wildromantischen Klippen, ihren herzigen netten Menschen und farbenfrohen romantischen Sonnenuntergängen. Ja, sicher, sicher.
Als ich mal im toskanischen Siena bei Gluthitze auf die Campanile gekrochen war, hatte ich das tolle Gefühl, auf eine Spielzeug-Landschaft zu blicken. Und als ich dann wieder unten heil ankam: da stand ich dann - in einer Spielzeug-Landschaft. Na toll. Aber wer will da schon als Ken oder Barby rumstehen?!
Hier im Reich des gepflegten Knoblauch-Atems und des geschmacksneutralen Dünnbiers geht es mir ähnlich: Auf den quietschbunten Fotos ist das alles sowas von malerisch - der Himmel und das Meer so blau, die Dörfer so weiß - aber für einen längeren Urlaub als vier bis fünf Tage nicht wirklich geeignet. Irgendwann ist’s dann einfach gut. Auch wenn man im Sommer auf der Schicki-Insel angeblich sogar Brad Pitt begegnen kann (na und?).
Aber mal ganz ehrlich: Igendwas stimmt hier nicht, alles ist ein wenig zu perfekt, zu schön, um wahr zu sein. Und ich habe einen schlimmen Verdacht, woher das kommt.
Im Jahr 1956 hat es hier kräftig gerumpelt: ein heftiges Erdbeben vernichtete die meisten Häuser, die Insel durchlitt eine massive Auswanderungswelle. Dann passierte lange: gar nichts. Bis Costa Cordalis kam.
Der trällernde Giros-Drehspieß mit dem Brusthaar-Toupet (‚Der Wein von Samos‘, ‚Anita‘, ‚Spiel Bozouki‘, ‚Nimm das nächste Schiff nach Rhodos‘) machte Griechenland als weiß-blaues Urlaubsparadies beim Otto Normalverbraucher bekannt und beliebt. Es setzte ein Touristen-Boom sondershausen ein, und die santorinischen Dörfchen wurden komplett neu aufgebaut. Das alles hier ist also eine Art gigantische Centerparc- oder Robinson-Anlage. Disney lässt grüßen. Irgendwie gruselig, wenn’s auch hübsch aussieht.
In Bayern sagt man: ‚hau a Ei drüber‘, wenn man etwas nicht ändern kann. Man sieht dann den Rest drunter nicht mehr. Hier in Hellas ist es die Farbe weiß, die jede Saison neu aufgepinselt wird.
Hier wird alles geweißelt auf Teufel komm raus: Mauern, Wände, Straßenbegrenzungen, Grünstreifen (besser: Weißstreifen) … selbst die Bäume werden bis zum Anfang der Baumkrone eingeweißelt. Und wenn man mal längere Zeit an einem Ort steht, kann es passieren, dass man bis zu den Knien neu gefärbt wurde. Selbst die Hunde und Katzen haben mehrheitlich weiße Pfoten.
Probleme übertünchen - das erinnert mich an die VW Käfers meiner Mitschüler, den sogenannten Alternativen. Deren stinkende Rostlauben hielten nur zusammen wegen der vielen Aufkleber ‚Atomkraft? Nein danke‘. Ihre Fahrer waren immer super tolerant, du, hörten doofe Musik, trugen Jutesäckchen und Palästinensertücher und sagten immer: „Hallo, Leute!“ Im Klassenzimmer setzten sie sich hinten an der Wand auf den Boden und packten dann ihr Strickzeug aus - Männchen wie Weibchen! Bei denen hat es nicht mal Spaß gemacht, sich über sie lustig zu machen.
Was das mit Santorin zu tun hat? Nix. Also zurück zum Thema mit dem weißen Pinsel.
Und so ist es: In Ermangelung von Teppichen, unter die man etwas kehren kann, werden Probleme einfach zugeweißelt. Und das ist meiner Ansicht nach keine schlechte Lebensstrategie, vor allem in Verbindung mit der Erkenntnis, dass es keine Sackgassen gibt. Das tröstet ungemein, selbst wenn der Wein mal wässrig und das Bier schal schmeckt.
Also: hau a Ei drüber - und darauf einen Ouzo auffe Hausse - stin ygeiá sas!
PS: Die Nationalfarben hat Griechenland von den bayerischen Wittelsbachern, die hier mal mit Otto dem Ersten (und gleichzeitig Letzten) den König stellten - ganz in der Tradition seiner Familie war er geistig umnachtet und daher nicht allzu lange in Amt und Würden. Man stelle sich vor, wie es hier aussehen würde, wenn die bayerischen Farben pink-lila wären …



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