Nach 196 Tagen ...
- georgunbehaun
- Mar 19, 2022
- 3 min read

… kann ich ganz locker sagen: in Istanbul ist es immer saukalt und es schneit häufig. Schließlich bin ich nun schon das zweite Mal hier und es ist immer das gleiche Wetter: bitterkalt. Soll mir keiner erzählen, dass es hier heiß werden kann. Außer in den Basars: da geht’s hitzig zu.
Was nur wenige wissen: der Name der Stadt lautet übersetzt ‚Herrschaft der Katzen‘. Das stimmt zwar nicht, könnte aber durchaus so sein, denn die wuscheligen Monster sind hier so privilegiert wie die Kühe in Indien: jeder füttert sie, es gibt sogar überall Automaten dafür.
Ihr engelsgleicher Gesang - ähnlich einem menschlichen Göbelgeräusch in einen Blecheimer - macht einem gegen vier Uhr morgens klar, dass man sterblich ist. Dann folgt gegen fünf Uhr der kreischige Chor der riesigen Möwen um die Luft-Vorherrschaft. Und weil es eh schon egal ist, legt dann gegen sechs Uhr der Muezzin los mit seinem jodelnden, ins atonale abgleitenden Religionsgeknödel.
Dann ist man wach, und kann eine spannende Weltstadt erobern.
Istanbul ist eine sichere Stadt, eine sehr, sehr sichere. Denn es gibt hier eine bunte Vielzahl an Menschen, die für Frieden und Ordnung sorgen. Da gibt es zum einen die Stadtpolizei, dann die Touristenpolizei, die staatliche Polizei und das Militär. Das Ganze sieht manchmal aus wie auf einem Truppenübungsplatz mit Moscheen - inklusive entsicherter Schnellfeuer-Gewehre. Sehr beruhigend.
Und weil das natürlich noch nicht reicht, gibt es neben der Staatssicherheitspolizei auch noch die verdeckten Ermittler, um den Kleindieben das schmutzige Handwerk zu legen. Ich vermute mal, dazu kommt noch eine Anzahl an IM-Mitarbeitern, die den ehemaligen Stasi-Chef Erich Mielke feuchte Augen bereitet hätte.
Der Türkei geht es derzeit nicht gut: ihre Währung, die Lira, hat sich in wenigen Monaten im Wert glatt halbiert. Das lässt den Touristen-Geldbeutel zwar lächeln, aber die handelswütigen Türken verzweifeln. Dazu kommt, dass mit den Russen und den Ukrainern die Touristen-Topländer Nummer eins und drei für die nächste Zeit komplett ausfallen - bleiben nur die Deutschen übrig. Aber ein Schwabe macht ja bekanntlich noch keinen Sommer.
Und trotzdem boomt Istanbul: überall neue Büro- und Wohnhäuser, Sanierungen alter Nobelviertel und Baugruben, wohin man auch blickt. Klingt nach Immobilien-Blase, ist es wahrscheinlich auch.
Aber der Hauptgrund für den Bauboom ist das schwere Erdbeben von 1999, das gezeigt hat, wie schlecht es um die Bausubstanz an der unruhigen Kante zwischen eurasischer und anatomische Kontinentalplatte steht. Wissenschaftler gehen von einem nächsten heftigen Beben in Kürze aus. Na denn: think positive.
Was toll ist: die Hagia Sophia, das phantastische Monument steingewordener morgen- und abendländischer Geschichte, ist vor kurzem vom Möchtegern-Sultan Erdogan von einem Museum wieder zur Moschee umgewidmet worden. Das bedeutet: man zahlt keinen Eintritt mehr.
Was uns positiv beeindruckt an dieser chaotischen 18-Millionen-Stadt? Die netten, spontan hilfsbereiten Menschen und die Tatsache, dass es fast keine Touristenfallen gibt, selbst neben der Blauen Moschee oder dem Topkapi-Serail nicht. Hier trifft sich das bayerische mit dem Istanbuler Lebensgefühl - leben und leben lassen: jeder kleidet sich wie er will, Moscheen sind für alle offen, man geht freundlich miteinander um. Solange, wie man selbst in Ruhe gelassen wird. Sonst setzt‘s was.
So richtig anstrengend ist der chaotische Verkehr. Lieferwagen, Sackkarren, SUVs und rollende Schrotthalden quetschen sich durch übervolle, schmale Gassen; verängstigte Fußgänger schleichen in Ermangelung an Zebrastreifen durch den lärmenden Stop&Go-Stau im Survival-Modus. Und todesmutige Fahrradfahrer dürfen gerne überfahren werden, das merkt eh keiner.
Was immer noch begeisternd ist: das wuselige Treiben auf den Märkten, in den Basars und den Einkaufstraßen. Hier gibt es einfach alles: billigen Ramsch, chinesischen Krempel, tolles Essen aller orientalischer Arten, quietschfarbenes Spielzeug, bunte Gewürze, 1.001 Teesorten, unendlich viele Klamotten für jeden Geschmack (sogar wenn man keinen hat), allerlei Heimwerker-Gedöns, silberne Töpfe, phantasievolle Teppiche, glitzernden Schmuck und vieles und vieles mehr.
Wenn es einem dann endlich reicht von dem optischen, olfaktorischen und akustischen Dauerfeuer, flüchtet man entweder in eine der vielen, wunderschönen Moscheen und genießt die Inseln der Stille oder setzt sich in ein gemütliches Cafe und trinkt eine Tasse Tee für 20 Eurocent.
Mein Fazit: Istanbul macht Spaß. Man kann sich stressfrei wie zu Hause fühlen und viel erleben. Gerne werde ich mal im Sommer hierher kommen, um meine Wetter-These zu untermauern. Mütze, Schal und Handschuhe werden dann auf jeden Fall im Gepäck dabei sein.
PS: Als ich hier das erste Mal war, vor rund 40 (!) Jahren, kam ich, um meine Großmutter ‚freizukaufen‘ von einer Goldkette, die sich im Rahmen einer Kreuzfahrt von einem geschickten Verkäufer hatte andrehen lassen.
Als ich diesen Händler hier traf, stellte es sich heraus, dass er lange in Erding gewohnt hatte, und sein bayerischer Dialekt war noch breiter als der meine. Da wir deshalb kulturell sehr schnell auf eine Wellenlinie kamen, war der Deal innerhalb weniger Minuten rückabgewickelt. Münchner und Erdinger verstehen sich eben.



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