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Nach 184 Tagen ...


… rund 10.000 Meter über dem weiten Pazifik und unter dem endlosen Sternenhimmel bietet es sich an, ein Fazit zu ziehen über die ‚Inseln unter dem Winde‘, wie Tahiti, Mo’orea, Rei'atea, Taha’a und Bora Bora auch genannt werden. Als Obergiesinger könnte man hier auf Dauer an seine völkerverständigenden Grenzen geraten. Host mi?


Denn hier ist man lieb zueinander. Immer. Überall. Zu jedem, ob nun Kuschelbär oder Stinkstiefel. Jeder lächelt einen freundlich an: der Polizist, der Bauarbeiter, die Kassiererin … würde es hier Neonazis geben, sie würden die Peace-Fahne schwenken und die Punks umarmen, die es hier natürlich auch nicht gibt. Ein jeder sagt ‚Mahana‘ (willkommen!) und Mahu'uru (auf Wiedersehen) und schwenkt dann noch seine Hand im Wohlfühl-Surferzeichen: man mache eine Faust, drehe sie nach innen wie beim Denker von Rodin und spreize dann Daumen und kleinen Finger zur Seite - fertig ist die symbolische Hängematte.


Ich weiß nicht so recht.


Ich bin aufgewachsen in einem sogenannten Münchner Glasscherbenviertel. Da gab es Türkengangs und die Chicagos, ganz schlimme Finger. Und wenn man es gewagt hätte, jemanden von denen penetrant, ohne Vorwarnung und direkt anzulächeln, hätte man ernsthaft mit seiner Gesundheit gespielt.


Erst hätte es mal eine kommunikative Klärung des Sachverhalts gegeben: „Hä, Du da, wos schaugstn Du so bläd - mogst a boa Schäin?“, was soviel bedeutet wie: „Hallo, Sie da, warum betrachten Sie mich eigentlich mit solch einem debilen Grinsen - sind Sie etwa interessiert an einer körperlichen Zurechtweisung?“ Oftmals wurde dann auf ein verbales Feedback ganz verzichtet und die in den Raum gestellte Folge des sendungstechnischen Fehlverhaltens gleich ausgeführt.

Verbale oder physische Gewalt ist heute stark in der Kritik, dient aber oft einer einfachen, verständlichen und offenen Form der zwischenmenschlichen Kommunikation. Sie klärt Sachverhalte und öffnet somit meist Türen, auch die der Notaufnahme.

In meiner Kindheit hatte ich, wenn ich bei meiner Großmutter zu Besuch war, gerne den Dackel ihrer Nachbarin Gassi geführt. Das Frauchen, Frau Stahl, war eine ganz eine liebe. Sie war so engelsgleich, dass es in ihrer Ehe in 40 Jahren nie auch nur einen Streit gab. Das ist ihrem Ehemann einmal so auf den Geist gegangen, dass er einen Zoff mit ihr vom Zaun brach. Das Ergebnis: sie begann zu weinen. Das ist Ehehölle der ganz subtilen Art.

Auf dem Gymnasium hatte ich einen Mitschüler, den Rasti. Der war mehr als 190cm groß, hatte feuerrote Backen, einen tänzelnden, federnden Schritt und lächelte jeden provokant an. Ich hatte in der Kollegstufe dummerweise dieselbe Fächerkombination wie er - und war mit ihm deshalb in jeder Stunde zusammen im Klassenraum. Und da saß er nun, schielte andauernd von links nach rechts, auf der Suche nach einem neuen Opfer seines tristen Humors - und lächelte.


Manche behaupten, ich sei damals ein Morgenmuffel gewesen. Ich kam also wahrscheinlich grantig vors Schultor, rauchend, genervt - und da stolzierte der Rasti wippend auf uns fröhlich grinsend zu und verübte einen ersten Flachwitz.


Und das ging dann so weiter. Schulstunde um Schulstunde. Jede Konzentration ging flöten, wenn Rasti wieder sein fröhliches Gesichtsbesteck herausholte. Ein glucksendes Riesenbaby. Von dieser Form der dauerhaften Folter können die Chinesen noch etwas lernen.

Irgendwann riss bei mir dann mal mitten im Unterricht der Geduldsfaden und ich packte ihn mir: „Wenn Du jetzt nicht sofort aufhörst mit Deinem Dauergrinsefeuer, dann dreh I Deine Oawaschln auf hoiba Ochte - hamma uns?!“ (nicht übersetzbar).

Mann, das tat sooooo gut. Und Rasti sah mich ab dann nur noch leicht verstört von der Seite an. Er packte dann das Abitur nicht - war auch nicht die hellste Kerze auf der Torte, der Gute - und unsere Wege trennten sich zum Glück danach. Bis ich einmal einem Kumpel beim Umziehen half und uns eine Streife der Münchner Gendarmerie ihre Aufwartung machte - und vor mir stand: der grinsende Rasti in Polizeiuniform. Da brachen gleich mehrere Welten in mir zusammen.

Und so weiß ich nicht, ob ich diese immerwährende Freundlichkeit und Herzlichkeit hier in der Südsee auf Dauer verkraften würde. Dann bleib ich doch lieber in München, esse eine Leberkas-Semmel und fahre U-Bahn, jetzt mit der Seniorenkarte. Und wenn mich dann jemand unvermittelt angrinst, frage ich ihn höflich: „Hä, Du da, wos schaugstn Du so bläd - mogst a boa Schäin?“



 
 
 

1 Comment


Michael Branham
Michael Branham
Mar 05, 2022

Servus Schorsch Love it und genau so war es bei uns am Asam und mit den Chicagos - haette Ich fast vergessen

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