Nach 181 Tagen ...
- georgunbehaun
- Mar 1, 2022
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Updated: Mar 1, 2022

… und nach rund drei Weltumrundungen wollte ich mal dem Mann der Weltgeschichte einen Brief schreiben, der gerade mit ihr so leichtfertig spielt. Du, Wladimir, wirst ihn wohl nicht lesen. Sei‘s drum. Ich weiß, dass Du eigentlich gar nicht so geworden wärst, Waldemar, wie die Welt Dich heute ertragen muss. Und das hat einen einzigen Grund.
Denn in den Untiefen Deiner verkommenen Seele bist Du nur ein armer kleiner Junge, der mitspielen und geliebt werden will, der von seiner Mamutschka in ihre drallen Arme genommen werden will, um vor der bösen Welt beschützt zu werden. Ein Mamasöhnchen.
Irgendwas ist in Deiner Jugend ganz, ganz schief gelaufen, Du verwöhntes Einzelkind, nachdem Deine beiden Brüder früh verstorben waren. Ich stelle mir das so vor: Du bist ja im Leningrad der frühen 50er Jahre aufgewachsen, ein ziemlich hartes, ein kriminelles Pflaster für einen jungen Kerl, den man nicht gerade als beeindruckenden Hünen bezeichnen kann.
Da gibt es die starken, älteren Jungs - und deren Opfer, wie Du wahrscheinlich eines warst. Und wenn Du dann wieder mal mit zerrissener Hose und blutender Nase nach Hause gekommen warst, dann war da Deine fabrikarbeitende Mama, die Dich tröstete und meinte: „Ist doch nicht so schlimm, Waldi, spielst Du eben morgen wieder mit.“ Aber am nächsten Tag haben sie Dich dann wieder verdroschen.
Armer kleiner Nichtsnutz. Was lernt der kleine Wladimir Wladimirowitsch daraus? Wenn man Dich nicht mitspielen lassen will, dann nutze Deine ureigenen Fähigkeiten, um trotzdem zum Erfolg zu kommen: zu lügen, täuschen, erpressen, hintergehen, stehlen, verraten - dabei aber stets unberechenbar und grausam sein.
So entwickeltest Du mit der Zeit die besten Voraussetzungen für eine Erfolgskarriere beim russischen Geheimdienst KGB. Russland, das war Dein Glaubensbekenntnis: Du bist Russland, Russland ist Du. Ein nationaler Chauvinist, wie er im Buche steht. Und die alten Versagensängste äußern sich in Einstellungen wie: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich.“ Ein explosiver Minderwertigkeitskomplex auf zwei zu kurzen Beinen.
Aber was ereignete sich dann in Deiner Zeit in Dresden Anfang 1990? Der Schock: Das größte Land der Welt, Dein geliebtes Heimatland , das ganz allein den Hitler-Faschismus besiegt hat und dem die gesamte Jugend der Welt zujubelte, vor dem alle Nationen devote Ehrfurcht und höchsten Respekt empfunden hatten - auf einmal in seine ethnischen Teile zerlegt, nur noch ein Rumpf alter sowjetischer Größe; UdSSR kaputt.
Wieder einmal wollte man Dich nicht mitspielen lassen, Wlado, diesmal nicht in der Sankt Patersburger Gosse, sondern ein paar Stockwerke höher: im großen Konzert der Weltmächte. Und niemand weit und breit, bei dem Du Dich wegkuscheln konntest.
Aber dann kommt unverhofft Deine große Chance: Man bittet Dich zum Jahrtausendwechsel nicht nur mitzuspielen - nein, man bietet Dir sogar an, das russische Spiel komplett zu leiten! Endlich, endlich Anerkennung, Bedeutung, Verantwortung, Ruhm und Ehre. Das Leben ist so schön, Babushka! Und Du legst gleich voll los.
In Rückbesinung auf Deine inneren Werte: Du bombst die tschetschenische Hauptstadt zu Pulver, folterst ehemalige UdSSR-Teilrepubliken, erstickst die Pressefreiheit, vergiftest Oppositionelle und modernisierst Deine glorreiche russische Armee.
Testen kannst Du dann Deine neue zerstörerische Schlagkraft im Nahen Osten, wo Du dabei hilfst, syrische Städte in tödliche Schutthalden zu verwandeln oder die undankbaren Georgier von ihren EU-Plänen in ganzen fünf Tagen wegzubomben.
Und dann kommt wieder Dein altes Trauma wie ein eitrige Blase aus den Untiefen Deiner verdorbenen Seele - vor acht Jahren, und das ausgerechnet aus der eigenen Familie heraus.
Die Ukrainer sind ein russisches Brudervolk mit gemeinsamer Vergangenheit im Kiewer Rus. Die verfolgen seit Jahren ganz genau, was sich so alles in ihrem Westen abspielt, unter dem Joch der von Dir so verachteten EU: Bulgarien ist plötzlich nicht mehr so korrupt und dreckig, Ostpolen bekommt eine moderne Infrastruktur und in Rumänien verdienen sie nun das Dreifache wie zu Sowjetzeiten.
Wollen die Ukrainer da mitspielen? Aber claro! Und das machten sie 2014 in einem Mini-Aufstand mit mehr als 100 Toten mehr als deutlich.
Genau das war das Schlimmste - das eigene Brudervolk. Welche Blutschande, was für ein erniedrigender Verrat. Das packte Dein narzistisches Ego gar nicht, Dein brennender Hass nimmt Besitz von Deiner kalten Vernunft. Seitdem bereitest Du Dich drauf vor, die ukrainische Braut zu vergewaltigen, weil sie Dich verschmähte. Selber schuld, sie hätte es ja anders haben können.
Und nun schien die Zeit reif:
Armee fit? Check.
USA schwach? Check.
EU zerstritten? Check.
Kriegskasse gefüllt? Check.
Ein kluger Mensch hat mal behauptet, Du seist ein genialer Taktiker, aber ein lausiger Stratege. Scheint zu stimmen. Und dazu kommt diese schlimme Despotenkrankheit, die hochansteckend und bis heute nicht heilbar ist: Hybris, oder auch Selbstüberschätzung genannt.
Und fertig sind alle Zutaten für ein epochales Desaster: Krieg nach 80 Jahren europäischer Friedenszeit, Tote überall, Verzweiflung und Zerstörung, endloses Leid. Und nur weil vor 60 Jahren ein paar üble Leningrader Cowboys Dich verachtet und ausgeschlossen hatten, müssen jetzt tausende Mütter ihren Kindern erklären, warum der Papa nicht mehr nach Hause kommt, werden Deine Brüder und Schwestern im Bombenhagel zerfetzt.
Aber glaube mir: Der Liebe Gott hat oftmals einen feinen Sinn für Gerechigkeit und Ironie. Und deshalb, lieber Wladimir Wladimirowitsch, Du gefallener Engel, Du kleiner, verletzter, einsamer Junge: Ich wünsche Dir von allem Herzen - ja, ich bin mir eigentlich ganz sicher -, dass Du am Ende der Story doch noch den richtigen Platz in der Geschichte des 21.Jahrhunderts bekommen wirst, den Du Dir so redlich verdient hast:
Den Platz auf der Anklagebank des Internationalen Gerichtshof für Menschenrechte in Den Haag.



Happy B-day, Georg and love to Tania and Line🥰
So wahr! Dem ist außer einigennTränen nichts mehr hinzuzufügen