Nach 170 Tagen ...
- georgunbehaun
- Feb 21, 2022
- 3 min read

… wird es aus gegebenem baldigen Anlass Zeit, sich hier mal einem ernsten Thema zu widmen: dem Altern. Denn in Kürze jährt sich meine Weltlichterblickung zum 60. Mal. Sechzig. Sechzig! Mal abgesehen von meinem Problem mit dieser Zahl aus Gründen meines fußballerisch geprägten Lokalpatriotismus‘: SECHZIG! Ein Senior. Ein Geront. Hallo - geht’s noch?! Und: ist das eigentlich fair?
Als ich noch im vollen Saft meiner unbeschwerten Jugendblüte stand, waren Sechzigjährige aber sowas von alt, Opi-mäßig eben, praktisch scheintot, irgendwie nicht mehr wirklich.
Die Frauen dieses hohen Alters hatten dicke Pöter mit geblümten Kleidern drübergestülpt und eine Handtasche mit Metall-Klickverschluss, in der sich meist mehrere Billardkugeln befanden, um möglichem Diebsgesindel die Schlagtasche über den ungezogenen Scheitel zu ziehen.
Außerdem darin: Erfrischungstücher mit Zitronengeschmack sowie mehrere Stofftaschentücher, einige mit einem dicken Lippenstift-Kussabdruck. Die andere Taschentuch-Seite wurde dazu eingesetzt, dem zappeligen Enkelsohn den spielbedingten Schmodder von der rotzfrechen Backe zu schrubbeln, unter Zuhilfenahme eigener mundraumerzeugter Sekrete - ich bin mir heute sicher, dass diese Erlebnisse meine Einstellungen zum anderen Geschlecht ganz wesentlich geprägt haben.
Die Grand Old Ladys olfaktierten alle intensiv und dauerhaft nach 4711, dem Kölnisch Wasser aus der Glockengasse als Waschersatz, zumindest am Vormittag; bei mancher Dame gesellten sich im Laufe des Tages dann noch Ausdünstungen in den Duftnoten Frauengold, Verpoorten Eierlikör oder Klosterfrau Melissengeist hinzu.
Am Samstagabend konnte man sie dann bei Dieter Thomas Heck live aus dem ZDF Sendezentrum in Berlin erleben, wie sie als zügellose erotisierte Lustobjekte den Knödelbarden Karel Gott mit bunten Nelkensträußen bewarfen.
Die Männer dieses ranzigen Lebensabschnitts waren da weniger kompliziert: sie steckten in abgetragenen jägergrünen oder braunschattierten Cordhosen, schraubten stundenlang an technologisch analog dominierten Autos rum und waren mehrheitlich der Überzeugung, dass die Zeit der Regentschaft eines oberösterreichischen Landschaftsmalers und Hobby-Strategen doch ihre Vorteile hier und da und auch dort hatte, immer mit dem Zusatz: „Aber das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen“, obwohl sie es gerade gesagt hatten.
Um den jüngeren meiner Leser die Verhältnisse damals etwas plastischer vor Augen zu führen: Wer zu dieser Zeit das Wort ‚geil‘ in den Mund nahm, bekam eine geschmiert, Rasen betreten war bei sofortiger standrechtlicher Exekution verboten, und es gab noch kein einziges Laptop („Opi, wenn es zu der Zeit noch keine PCs gab - wie seid Ihr denn damals bloß ins Internet gekommen?“)
Und jetzt bin ich selbst bald so alt. Wobei: Alter hat schon auch seine Vorteile: man hat viele Dinge gesehen, erlebt, gerochen, geschmeckt, erlitten, geschluckt. Und muss es nicht nochmal. Man vertrödelt weniger Zeit mit falschen Hoffnungen oder überzogenen Erwartungen, und so mancher Mist ist abgehakt - ich sage nur: Hochseilgarten, Liebeskummer, Fallschirmspringen.
Und nicht selten ist die Generation meiner Tochter viel spießiger als die meine: „Papa, das T-Shirt als Bierglas sieht sowas von peinlich aus!!“, „Mama, zieh Dir was an!!!“, „Papa, wenn Du JETZT Ukulele spielst, lasse ich mich enterben!“
Außerdem: was sind schon Zahlen? Damit konnte ich noch nie gut umgehen, sagten zumindest meine Lehrer und sagen noch heute meine Chefs. Ist doch nur wichtig, WIE man sich fühlt. Kleine Einschränkung: Ich beziehe mich hier ausschließlich auf den mentalen, nicht den physischen Zustand, der immer weniger mit den Themen der Zeitschrift ‚Bravo, dafür aber immer mehr mit den Inhalten der ‚Apothekenumschau‘ zu tun hat.
Aber es gilt ja bekanntlich: you never walk alone. Und so erleben gerade viele im Freundes-und Bekanntenkreis das gleiche Schicksal. Und da wir alle noch lange nicht alt sind im klassischen Sinne, hier eine Neudefinition meiner degenerierenden Wenigkeit: alt ist man … nun, sagen wir mal … mit neunzig - ja, das ist dann so richtig alt - aber im Moment noch fette dreißig Lenze weg😉.
Und schon heute weiß ich, was ich mir zu meinem neunzigsten Ehrentag wünsche: eine hellbraune Cordhose - darf auch schon etwas abgetragen sein und an der abgewetzten Sitzfläche leicht schimmern.



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