Nach 137 Tagen ...
- georgunbehaun
- Jan 17, 2022
- 3 min read

… müssen wir auch mal über die Relation von Musik und Beziehungen sprechen. Beispielsweise war meine Vorstellung von Hawai‘i bisher vor allem durch Musik geprägt. Schon in Kinderjahren haben mich deutsche Melodien zum Träumen gebracht. Nicht so meine derzeitige humanoide Umgebung. Und damit kommen wir zwangsläufig zu den Beziehungen.
Wer hört nicht das Meeresrauschen, wer fühlt nicht die sanfte Seebrise auf der Haut bei akustischen Leckerbissen wie: ‚Deine Spuren im Sand‘ von Howy Carpendale. Oder ‚Ich hab noch Sand in den Schuhen von Chawawhi‘ (Aussprache dem slowenischen Dialekt von Bata Ilic lautmalerisch nachempfunden). Und wen packt nicht die Sehnsucht nach der Ferne, wen lässt das Knistern der Palmblätter nicht Fantasien erblühen wie bei der alten zauberhaften Waise ‚Wini Wini Wana Wana‘ von den unvergleichlichen Wildecker Herzbuben?
Wen es nicht packt? Meine Familie zum Beisiel. Dabei gibt mit der Hilfe von exotischer Musik soviel zu erfahren über die Südsee, abseits der nackten Zahlen und Fakten. Hier zum Ausprobieren: ‚Ukulele, Du musst weinen‘ von der unvergessenen Katharina Valente oder ‚‘Aloha Oe’ von Freddie Quinn, dem einsamen Seemann mit der Wandergitarre. Das ist nicht nur einfach heile Welt, das ist auch das ganz, ganz große Gefühl der Sehnsucht.
Aber mit diesen Wallungen des Gemüts bin ich hier völlig alleine. Meine bessere Hälfte meint einfach: „Mach das da im Radio weg, ich habe hier ja auch mal was zu sagen“ und meine Tochter verdreht nur die Augen und schaut mich dann vorwurfsvoll an. Oder umgekehrt.
Und überhaupt: meine Tochter. Zugegeben: recht vielseitig ist ihr Geschmack schon. Aber das kann auch eine Bedrohung sein, gemäß dem Motto: ‚Wer nach allen Seiten offen ist, ist vielleicht nicht ganz dicht.‘ Zumindest empfinde ich das bei zwei akustischen Irrtümern so, namens Mainstream und Hiphop. Sie mag eigentlich Mainstream nicht so richtig, kennt aber jeden, wirklich jeden Song, inklusive Text. Das bedeutet, dass man das Gedudel jetzt noch in Stereo hört - was es nicht wirklich besser macht.
Mainstream, das ist das Lala, was man tagtäglich im Dudelfunk landauf, landab in die wehrlosen Ohren gespült bekommt. Produziert werden diese akustischen Dauerbelästigungen ausschließlich darauf, 30 Sekunden lang gestreamt zu werden, denn dann fließen sie in die aktuelle Spotify-Statistik ein - und werden ausbezahlt.
Aber wie schafft man das mit der halben Minute? Indem man etwas produziert, was so klingt wie alles andere auch klingt, denn Vertrautheit schafft Vertrauen, auch wenn das recht idiotisch ist (Al Khaida kennt auch jeder, trotzdem würde man von denen keinen Gebrauchtwagen kaufen, oder?!). Und dazu noch etwas Penetrantes wie Wortwiederholungen oder komische Geräusche, die sich dann als Ohrwurm ins Unterbewusstsein hinunterbohren. Da dann doch lieber den guten alten Freddie mit seinen Südseeträumen.
Aber es gibt noch eine Steigerung: den Hiphop und Rap. Mitmenschen aus eher prekären Lebensumständen labern hier einen voll von ihrem vermeintlich interessantem oder uninteressantem Alltag sowie ihrem Verständnis der Geschlechtergleichstellung. Darauf hat die Welt und speziell ich gewartet, vielen Dank auch.
Zum Thema Mann und Frau: Streicht man umgangssprachliche Kostbarkeiten wie Fucking, Motherfucker, Drugs, Dick, Sex oder Bitch aus den Texten, wird so mancher Song zum reinen Instrumental. Und ich zum Frauenbeauftragten in der Familie.
Pubertäre Sozialprobleme in gesellschaftlichen Brennpunkten sind sicher nicht einfach, Rumbatanzen ist es aber auch nicht. Und sicher gibt es beispielsweise das Schicksal alleinerziehender Mütter in Oberhausen, aber muss ich nun unbedingt alle Probleme der Welt kennenlernen - und dann auch noch mundgeblasen?! Und: rappen diese Mütter alle drüber (naja, vielleicht tun sie es ja schon …)?!
Anderes Beispiel: Ich meinerseits habe gewichtstechnische Herausforderungen, nach 130 Tagen Junkfood. Aber ich labere nicht darüber: „Ey, yo,can’t see my feet anymore, fucking bitch!“ Aber obwohl sie mir tierisch auf den Senkel geht, meine mittelkörperliche Spannungsregion, schreibe ich nicht mal ein Gedicht dazu. Worüber mir die Welt dankbar sein sollte.
Aber es gibt Hoffnung: Wenn ich mit Töchterchen mal allein unterwegs bin, klappt es mit einem Mal mit musikalischen Kompromissen und Liedern, die wir beide mögen, ganz wunderbar - und zwar den ganzen Tag lang. Also liegt es vielleicht doch an der Tanja? Darüber muss ich mal nachdenken …
Bis dahin als akustischer Ausklang der Song ‚Wini Wini Wana Wana‘ mit einer kleinen Stilkritik vom Großmeister Oliver Kalkofe.



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