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Betrifft: Wein


Die Götter waren es, die den Wein erfunden hatten. Und sie wussten genau warum. Er macht das Leben ein wenig federleichter, in ihm liegt ja bekanntlich auch die Wahrheit - vor allem, wenn die ersten Flaschen mal verputzt sind. Und er lässt die holde Weiblichkeit mit jedem Glas noch schöner erstrahlen. Ein echter Zaubertrank.


Er hat Rebstock für Rebstock fast die ganze Welt erobert. Ob in den Höhen der Anden oder in den Weingärten des Medoc, ob bei den Känguruhs im Barossa Valley oder bei den Springböcken in Stellenbosch: überall rankt sich die stimulierende Gottesgabe der güldenen Sonne entgegen.

Selbst im belgischen Merelbeke kann man dem Trank der Götter in Form eines Domein De Roscam Cuvée frönen. Muss man aber nicht. Oder wie der Belgier zu sagen pflegt: ‚Es ist nichts, um darüber nach Hause zu schreiben.‘

Der Wein hat viele Eigenschaften, die er mit uns Menschen teilt: Er kann kräftig sein oder auch lieblich, er ist manchmal füllig oder kann auch mal ganz schön sauer sein. Doch er kann noch weit mehr als wir Menschen, zum Beispiel : abstringierend wirken. Chapeau!

Man kennt ein fremdes Land und seine Leute nicht, kennt man nicht seine Rebensäfte und ihr Verhältnis zu ihnen: Der Franzose schlürft nur Wein aus dem Land, in dem sich der Nabel der Welt befindet, also exakt unter dem Eiffelturm; der Italiener veredelt seine Plärre bei freundlicher Erwähnung im Weinführer Gambero Rosso mit einem 800-Prozent-Preis-Uplift.


Der Grieche braut einen harzigen Fusel, den er dann Retsina nennt und der aus der gleichen Rebe gewonnen wird wie der Alpe Franzbranntwein aus dem schönen Fichtelgebirge. Und der Ostdeutsche verätzt gerne westdeutsche Darmfloren und nennt die eigens dafür erzeugte zuckerfreie Säure ‚Weine aus dem sonnigen Gottesgärten von Saale und Unstrut‘ - besonders für Diabetiker geeignet.‘ Wohl bekomm‘s.


Wein sollte man leicht feucht und stets in größeren Mengen lagern. Denn wie ja schon der italienische Gegenwarts-Philosoph Giovanni Trapatoni erkannte: es ist ein ganz ganz übles Zeichen, hat jemand mal „… die Flasche leer.“

Selbst die Kirche verlangt es, dass wir regelmäßig einen Kleinen lüpfen: Mit einem kräftigen Schluck Fusel der Marke ‚Bahndamm-Sauerampfer Spätlese‘ vom Discounter des Herrn Vikars pumpen wir verwandlungstechnisch das heilige Blut unseres Chefs in die eigenen Gedärme. Was der Wein nicht alles kann.


Bei aller alkoholischen Euphorie muss man an dieser Stelle korrekterweise feststellen: Alkoholismus ist natürlich ein ernsthaftes und besorgniserregendes Thema, das uns alle angeht. Anti-Alkoholismus aber auch. Donald Trump ist ein Abstinenzler, Adolf Hitler war auch einer. Und: was hat es ihnen gebracht? Uns jedenfalls einen vergeigten Weltkrieg und den Amis einen Vollpfosten mit der Lizenz zum Planeten-Atomisieren. Prost Mahlzeit.

Ich mag den Wein aus vielen Gründen. Er harmonisierte beispielsweise immer wieder mein Verhältnis zur direkten buckligen Verwandtschaft. Stets, wenn ich meine Großmutter besuchte, schenkte sie mir erst einmal ein Glas gute Pfälzer Scheurebe ein und begann dann zu erzählen: von ihrer Jugendzeit, vom Krieg, von Verwandten, die ich nicht kannte - von Gott und der Welt. Und dann öffnete sie für mich die zweite Flasche. Und dann erzählte sie weiter. Und weiter. Und weiter.

Das ging den ganzen langen Abend so, und ihre sich stets wiederholenden Geschichten klangen mit jeder Pulle ein wenig dumpfer in meinen gefluteten Ohren. Bis sie dann irgendwann meinte: „Gut, dass wir uns mal wieder ausgetauscht haben!“, und ich durfte weinselig Richtung Gästebett torkeln.

Ich mochte meine Oma.



 
 
 

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