Betrifft: Weihnachten
- georgunbehaun
- Dec 24, 2022
- 2 min read
Updated: Jan 6, 2023

Ich denk‘ an Weihnachten meist schon im Frühherbst, denn dann stapeln sich schon wieder die Europaletten in der Metro mit Bergen von Lebkuchen, Adventskalendern und Biersorten, die einen auf Weihnachten machen. Und ab da ist mir im Magen flau - bis zu den Heiligen Drei Königen. Was für ein Fest!
Das war früher anders. Da merkte man, dass es bald wieder soweit ist mit dem Fest der Liebe, wenn bei Dalli-Dalli der Christian Neureuther von der deutsch-österreichisch-schweizer Jury eine rote Zipfelmütze trug und das ZDF-Logo rechts oben mit einem kleinen Tannenzweig verziert war, auf dem eine Kerze brannte. Und man konnte spüren, wie einem langsam die vorweihnachtliche Wärme ins Gefieder kroch.
Zum Geschenke-Einkaufen legte man sich die Knie- und Ärmelschoner an und stürzte sich in die Innenstadt, um sich mit den anderen renitenten Konsumopfern um die Parfums und Schallplatten zu prügeln. Das war die beste mentale Einstimmung für die folgenden Tage mit den Liebsten.
Und heute? Da ist einkaufen für Heiligabend wie Methadon für den harten Junkie: irgendwie nicht der gleiche Kick, wenn die Paket-Ausfahrer mit den Lieferungen die Haustür zustellen. Wo bleibt da das gemeinsame Erlebnis und die interessanten Gespräche vor den muffigen Umkleidekabinen und in den langen Schlangen vor den Kassen, in den überfüllten Bussen und den hygienetechnisch überforderten Toiletten? Zugegeben, man kann dem Paket-Prekariat dabei belustigt zusehen, wie sie hektisch und in Windeseile die Pakete über den Zaun werfen, aber das ist eher voyeristisch und daher strikt abzulehnen.
Und was waren das für tolle Fernseh-Zeiten für die ganze Familie! Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin, Winnetou Teil eins bis elf, Lederstrumpf, der Schatz im Silbersee mit Helmut Lange, der alten Socke. Oma brachte aus der Küche immer neue Stücke an Weihnachtsstollen, die so unheimlich hart waren, weil die vorsätzliche Back-Sünde schon seit mehreren Wochen in der Speisekammer liegend seine Feuchtigkeit und sein Aroma unwiederbringlich verloren hatte und nun den Mund mit jedem Biss zustaubte.
Mediale Momente, die sich ins kollektive Nachkriegs-Hirn eingebrannt haben: Venedig, Markusplatz. Eisiges Schweigen der feindlich gesinnten italienischen Bevölkerung. Doch da, schau nur: Da läuft die kleine Prinzessin der Kaiserin Sissi tapsig auf ihre Mamme zu, ihre kleinen adeligen Ärmchen in die Luft gereckt, hin zur Kaiserin. Und plötzlich ertönen wilde Rufe aus den gerührten venezianischen Kehlen: „Viva la Mamma! Viva la Mamma“. Das Eis ist gebrochen. Gänsehaut-Feeling.
Heute kann man sich das ganze Jahr über Sissi in der gestreamten Glotze anschauen. Macht man aber nicht. Wozu auch? Das war ja auch früher mehr Ritual, das sagte einem: jetzt ist wieder Weihnachten, da sieht man nach alter Väter Sitte traditionell der Schneider Romy beim Heulen zu. Und Omi verdrückt ganz leise eine kleine Träne und lächelt dabei.
War doch irgendwie schöner.



Danke da hast Du wirklich recht.