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Betrifft: Urlauber


Als weit gereister Globetrotter bin ich schon seit vielen Jahren quasi ‚in der Welt zuhause.‘ Ein Jetsetter. Ein Welterfahrener. Einfach ein toller Typ. Und heute will ich die Welt teilhaben lassen an meinem unermesslichen Erfahrungsschatz in Sachen ‚Welche Typen Urlauber es gibt.‘ Und das fast völlig frei von irgendwelchen Klischees. Fast.


Fangen wir beim gemeinen deutschen Reisenden an. Er ist weltweit der einzige Urlauber, der partout nicht als solcher erkannt werden will. Er versucht verzweifelt, das heimische Reiseland-Idiom fehlerfrei zu sprechen, was ihm natürlich nie gelingt - trotz des dreimonatigen Sprachkurses in der heimatlichen Volkshochschule. Er kauft sich gleich zu Urlaubsbeginn typisch einheimische Klamotten, die bei den Einheimischen als sogenannte Touri-Fetzen bekannt sind. Er hat sich im Baedecker belangloses Trivialwissen angelesen und stresst seine Umwelt mit seinen nutzlosen urlaubslandbezogenen Erkenntnissen. An sich ist er gutartig, außer er tritt in größeren Gruppen auf und singt davon, im Puff nach Barcelona zu fahren.


Quasi das Gegenteil davon stellt der durchschnittliche Urlaubs-Ami dar. Der trägt seine Herkunft wie eine Monstranz vor sich her, interessiert sich einen feuchten Kehricht für seinen aktuellen Standort und sucht nach Gleichnationalen. Dann gibt’s spannende Dialoge wie: „Oh, you're Americal - where do you come from?“ From Idaho.“ „No, really, are you joking?! My uncle lived for ten years in Idaho …“ Und so weiter und so weiter. Dann einigen sie sich, dass das örtliche Essen ungenießbar ist und man tauscht Adressen der nächstgelegenen McDonalds-Filialen aus.


Chinesen findet man dank Corona nur noch sehr vereinzelt. Früher flogen sie in Horden ein halbmal um die Erde, um in old Europe echte lokale Basteleien einzusammeln, die vorher in China produziert wurden. Franzosen sind auch ganz einfach: die bleiben am liebsten im eigenen Land oder fliegen in französischsprachige Länder. Denn da müssen sie sich essenstechnisch nicht umstellen und sprechen meist ganz hervorragend französisch.


Englische Urlauber muss man differenzierter betrachten, je nach Herkunft und Erziehung. Da gibt es den wohlgebildeten, bescheidenen und höflichen Zeitgenossen, der zwar nur exakt eine Sprache spricht, damit aber überall durchkommt. Er ist kulinarisch nicht im geringsten verwöhnt und zahlt freundlich lächelnd Mondpreise in extra für ihn aufgestellte Touri-Fallen.

Der andere Engländer hat meist weniger Zähne als von der Natur geplant, trägt ein beschlabbertes Shirt mit zotigen Sprüchen drauf, ist umgeben von einem imposanten Fettring, den er sich von triefenden Fish & Chips sowie jeder Menge Gerstensaft in Jahren selbst geformt hat, ist laut, aggressiv und von der mediterranen Sonne leuchtend rot gegrillt. Ich persönlich würde mich im Zweifelsfall für diesen Typ entscheiden: da erlebt man mehr.

Ausgestorben sind bedauerlicherweise die urlaubenden Nachkriegs-Holländer. Sie fielen auf durch lautes Gekrächze, das sie ‚sprechen‘ nannten. Ihre stilistisch abstoßende Gewandung war von apfelsinenartiger Farbverirrung dominiert. Sie sangen gerne und gerne laut, brachten aus lauter Geiz ihre eigenen Teebeutel mit und bewegten sich fort in sommerbereiften Schneckenhäusern über die verschneiten Alpenpässe. Einig waren sie sich im Ekel vor den Moffen - also uns, den Teutonen. Und wenn man sie richtig ärgern wollte, so musste man sie einfach nur freundlich fragen: „Woher aus Deutschland kommen Sie denn?“ Heute gibt es diese putzigen Wesen nicht mehr, die meisten Holländer finden uns Deutsche mittlerweile sogar cool.

Da muss irgendetwas mächtig schief gelaufen sein.

 
 
 

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