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Betrifft: Tokyo


Was passiert, wenn man 37 Millionen Menschen auf einen Haufen zusammenscharrt? Man bekommt Tokyo, eine pulsierende Megalopolis wie von einem anderen Stern. Hier trifft sich bautechnischer Optimismus mit traditionellen Religionen und Riten. Und dazwischen laufen durchgeknallte Jugendliche, die sich kleiden und schminken wie ihre Manga-Vorbilder aus den japanischen Comics. Oder ist es umgekehrt?


Man sagt, die Leute aus der alten Kaiserstadt Kyoto sind ein wenig eingebildet und mächtig stolz auf ihre schillernde Vergangenkeit, die Leute aus Osaka lachen über alles und jeden - während die Tokyoter immer gestresst sind. Das kann man in der U-Bahn oder auf der weltgrüßten Fußgängerkreuzung in Shibuya live erleben. Aber natürlich alles ohne Gedränge oder Rennerei. Eher im Gesichtsausdruck.


Tokyo, das sind 23 Städte, die über die Jahrhunderte zusammengewachsen sind. Aber wer denkt, das würde in ein anonymes Gewusel auswachsen, wie man es von den chinesischen Millionenstädten kennt, der irrt sich gewaltig: Das Leben verläuft hier ohne Hektik, die Straßen sind staufrei und die Luft nicht von Abgasen zerstört. Die Tokyoter bewegen sich meist unterirdisch wie menschliche Rohrpost in Zügen, die dauernd kommen und immer in time.


Anfang 1945 legten die Amis die Hauptstadt in Schutt und Asche. Bei den Fliegerangriffen starben mehr Menschen als in Hiroschima oder Nagasaki. Danach brauchten die Japaner ganze sieben Jahre, um Tikyo wieder zur einwohnerstärksten Stadt des Planeten zu machen. Dagegen ist unser deutsches Wirtschaftswunder eine leise Flatulenz.


Natürlicherweise ist das Stadtbild geprägt von modernen Hochhäusern, deren Architektur eine gewisse Esthetik ausstrahlt. Dazwischen bewegen sich Businessleute mit schwarzeer Hose, weißem Hemd und schwarzem Sakko. Die Damen im kleinen Schwarzen und knieverhüllendem Businessrock.


Soweit so normal. Aber hier in dieser Stadt ist nichts normal. Beispielsweise hört man immer und überall irgendwelche Geäusche: piepsen von elektronischen Geräten, elektrinisch erzeugte Vogelgeräusche ohne erkennbaren Sinn, Hinweise von piepsigen Mädchenstimmen in Dauerschleife. Sehr markant sind auch Jingles in den Metro Stations, die an kanadisches Eishockey-Georgel erinnern, manchmal auch an weihnachtliche Lieder im Marsch-Rhythmus. Dann heißt es ganz schnell seinen Hintern in die U-Bahn schieben, wie bei der Reise nach Jerusalem.


Neben den Normalos, die Straßen, Busse und U-Bahnen fluten, gibt’s noch eine große Hndvoll ziemlich schräg gekleideter Vögel in Comic-Outfit: Männer in Schuhen in Bootsgröße, Haare in allen Leuchtfarben, die Mädels in Kleigern mit Spitze und Kampfstiefel. Oder als Barbie. Oder als Hello Kitty. Das ist alles dem Manga-Kult geschuldet, einem Comic-Stil, der auch hier im alten Europa Erfolge feiert.


Ein tolles Erlebnis ist der Besuch eines Kabuki-Theaters. Das sind Theaterstücke im Schnelldurchlauf, zu den Themen Liebe und Treue und tralala, bei dem dick geschminkte Männer gurrende Blubberlaute hervorwürgen und zugleich dabei jodeln - ein akustischer wie auch optischer Wahnsinn, aber sehr lustig. Bitte trotzdem besser nicht lachen!


Wettertechnsich ist Tokyo im Sommer und Frühherbst geprägt von unerträglicher Hitze und extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Zu der Zeit sollte man sich am besten unterirdisch und immer von Klimaschacht zu Klimaschacht bewegen. In freier Wildbahn ist man ruckzuck durchgeschwitzt. Oftmals retten einen dann nur die zig Getränkeautomaten, die überall aufgestellt sind.


Auch außergewöhnlich: Bewegt an sich früh um 6 oder 7 Uhr durch die Stadt, könnte man meinen, ein Virus ist ausgebrochen: kaum ein Mensch weit und breit. Das ändert sich dann schlagartig gegen 8 Uhr, wenn die U-Bahnen und Busse geflutet werden. Und auch dann gilt: keep cool, keine Hektik, alles wird gut.


Tokyo ist ein Urlaub für sich wert, denn hier kann man locker zwei Wochen verbringen, ohne dass es langweilig wird: skurrile Museen, schrille Theater, vielseitige Märkte, fantastische Restaurants, japanische Gärten, bunte Schreine, traditionelle Tempel - und hinter jeder Ecke eine neue Überraschung. Zum Beispiel ein Pachinko-Laden: Hier fallen hunderte Kugeln wie bei einem durchgedrehten Mega-Flipper umher, bei ohrenbetäubendem Lärm.


Ist wahrscheinlich ein Nebenprodukt japanischer Folterwissenschaft.



 
 
 

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