Betrifft: Starnberg
- georgunbehaun
- Oct 29, 2022
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Was bedeutet es, an einem Ort zu wohnen, in dem landesweit angeblich die glücklichsten Menschen leben, an dem die meisten Startup-Firmen registriert sind und man die höchsten Einkommen erzielt? Und in dem es ein großes Fachgeschäft für Luftballons gibt? Keine Ahnung, aber es fühlt sich irgendwie gut an - egal, was jetzt folgt: eine sanfte Abrechnung.
Staus ergeben sich morgens vor Kitas und Grundschulen, wenn die Mütter in ihrem Porsche Cayenne in zweiter und dritter Reihe parken, um ihre Schratzen zu kommenden Nobelpreisträger zu formen. Die SUV-Dichte ist enorm, schließlich ist Starnberg von riesigen Bergen verdunkelt und tiefen Schluchten durchfurcht.
Eltern sind gerne helikoptermäßig unterwegs. Eine Watschn auf dem Schulhof hat rechtliche Konsequenzen, Noten schlechter als drei werden gerichtlich angefochten. Die Abiturrate liegt bei über 90%.
Ältere reiche Damen sind behängt wie Christbäume. Ihre Lippen erinnern zwar noch im entfernten an Schlauchboote, aber eher im Zustand stark entwichener Luft. Im ehemaligen Strandbad Undosa schlürfen sie Aperol Spritz oder einen erfrischenden Cocktail auf Champagner-Basis. Fußballer lassen gerne mal zu ihrer Hochzeit Elton John einfliegen, Torhüter nutzen bevorzugt den Helikopter zur Arbeitsstätte. Und Oliver Bierhoff triff sich hier mit seinem Haartrainer.
Architektonisch ist Starnberg auf einer optisch ansprechenden Stufe mit Kleinoden wie Bielefeld. Zwischen den wenigen wunderschönen alten Holzvillen aus den Gründerjahren der Zeit der Industrialisierung tummeln sich fantasielose quadratische Betonhaufen wie in jeder anderen beliebigen deutschen Vorort-Gemeinde. Es gibt einen Müller-Drogeriemarkt, eine Fielmann-Filiale und jede Menge Hörgeräte-Anbieter.
Baulich dominiert ein großer Sparkasse-Gebäudekomplex, der aussieht wie jede andere Sparkasse auch; und es hat einen zentralen Kirchplatz, der quadratisch gepflastert ist, mit Boutiquen und sterilen Cafés drumrum. Die Kirche ist auch quadratisch.
Und direkt am Seeufer liegt der heruntergekommene Bahnhof, mit dem alles vor 150 Jahren begann, als Starnberg dem Münchner Ausflugstourismus zum Fraß vorgeworfen wurde. Ein schöner Erdenfleck, an dem quietschende S-Bahnen den Blick aufs pittoreske Voralpenland verstellen und die Münchner Massen zum Promenieren am Seeufer ausspeien.
Entscheidungen brauchen hier stets seine Zeit. Beispiel Tunnel: Nach kaum 30 Jahren Diskussion hat man dann doch endlich damit begonnen, eine Unterführung einmal quer durch Starnberg zu bauen. Keiner der Anwohner glaubt an die Vorhersage, dass es 2026 Schluss mit den Arbeiten sein wird. Aber das ist wenigstens jetzt angefangen, im Gegensatz zu den Plänen, den Bahnhof wegzuverlegen von der Seepromenade. Ich bin mir sicher, das werde ich in diesem Leben nicht mehr erleben - vielleicht im nächsten dann.
Wenn Starnberg mal feiert, dann ist aber ganz schön was los: Reggae-Karibik mit billigem Klamottenplunder, Streetfood-Fraß oder an wenigen Sonntagen verkehrsfreie Straßen - toll, oder? Mindestens so spannend wie ‚Los Wochos‘ beim McDonalds, der gestylt ist in Form eines Seesdampfers - voll die Urlaubsatmosphäre. Darauf einen Fish Mac!
Ist es denn dann überhaupt erstrebenswert, hier zu wohnen, bei den Promis-Wichteln, in der auswechselbaren Shopping-Landschaft, mit den bräsigen Veranstaltungen? Ja, denn es gibt hier eine ungewöhnlich große Menge an netten Menschen. Die kümmern sich ehrenamtlich um andere Zeitgenossen, denen es nicht so supergut geht oder spenden etwas von ihrem Reichtum, ohne es an die große Glocke zu hängen. Natürlich gibt es hier auch Arroganz und Protzsucht, aber die kommt meistens aus München mit dem Zug oder dem Porsche :-).
Ja, und dann auch noch wegen des romantischens Sees, wegen der kleinen intakten Dörfer, wegen der blauen Berge, der guten Luft, der gemütlichen Biergärten … und meistens ist das menschliche Panoptikum schon auch recht lustig anzuschauen.
Am Ende sind’s doch alle Menschen - weitestgehend.



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