Betrifft: Serien
- georgunbehaun
- Aug 19, 2023
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Wenn jemand im letzten Jahrhundert am Montagmorgen mit Streichhölzern zwischen den Augen, unrasiert und verwuschelt zur Arbeit kam, dann war klar, er hatte wahrscheinlich einen intensiven Kneipenstreifzug hinter sich. Heute heißt es beim Anblick eines übernächtigten Zombie-Kollegen: „Oh mann, welche Staffel war‘s denn diesmal“ Von der Qual der Serien im Laufe der Jahrzehnte.
Ganz, ganz früher, zu Schwarz-weiß-Zeiten, brachte man vor dem Hauptfilm eine Serie mit Endlos-Folgen des Science-Fiction-Helden Flash Gordon - oder auch seinem Zwillingsbruder Perry Rhodan - der permanent das Universum retten musste. Kurz vor Folgen-Ende sah es stets zappenduster aus: der Held angekettet, die Zeitbombe bei 5 Sekunden, der Palast steht in Flammen, und aus dem Off dröhnt eine knödelnde Männerstimme: „Wird unser Held die Prinzessin Lydia von den feindlichen Rächern befreien können und die Welt retten? Das erfahren Sie nächste Woche.“ und was passierte? Er befreite die Prinzessin Lydia von den feindlichen Rächern und rettete die Welt. Toll waren die Trickaufnahmen mit Raumschiffen an Fäden mit Rauch hinten raus. Beeindruckend.
Meine ersten Serien-Erlebnisse begannen mit Hoss, Litte Joe, Adam und Pa Cartright in ‚Bonanza‘, wo der chinesische Koch Hop Sing lecker Katzen zubereitete. Dann ging‘s weiter mit „Immer wenn er Pillen nahm“ und „Renn, Buddy, renn“, der Mann, der in der Männersauna aus Versehen das Geheimwort ‚Klein-Hühnchen‘ hörte. Diese Serien haben mich zum Mann reifen lassen.
Dann kamen die kommerziellen Sender, und die mussten Sendezeit füllen. Beispielsweise mit der Springfield Story. Mann, war das immer spannend: „Du, Francis, weißt du, was mit John los ist? Er wirkt so melancholisch, seit Paula sich von Fred getrennt hat.“ So ging das immer und immer weiter. Folge für Folge, jahrelang. Genau: 72 Jahre lang, mit über 15.000 Folgen - nur geschlagen vom Sandmännchen mit sage und schreibe 20.000 Folgen. Na dann: gute Nacht.
Mit den Fernsehserien ist das genauso wie mit Familienbesuchen: man kennt die Darsteller schon ganz gut und muss sich deshalb nicht so sehr auf den Inhalt der Gespräche konzentrieren. Geht ja doch immer ums Gleiche. Das macht das Leben ein wenig einfacher und überschaubarer.
Bestes Beispiel war die ZDF-Dauerserie ‚Der Kommissar’: „Herr Dupont ist tot.“ „Herr Dupond? Tot?“ „Ja, er wurde auf der Straße vor Ihrer Villa erschossen.“ „Erschossen? Vor meiner Villa? Von wem?“ „Das versuchen wir ja gerade herauszufinden.“ Bei solchen Dialogen würde selbst ein Skriptautor wie William Shakespeare vor Neid erblassen. Was es von Familienbesuchen unterscheidet, ist die Tatsache, dass es in Serien am Ende immer gut ausgeht.
Serien sind Zeitfresser, ganze Staffeln sind regelrechte Zeitvernichter. Meine Frau fing damit an: Jack Bauer, der US-Geheimdienstler in der Serie ‚24’, der alle und alles rettete: den US-Präsidenten, die Vereinigten Staaten und mehrfach die ganze Welt. In jeweils 24 Stunden, was bedeutet: 24 Folgen pro Staffel, neun Staffeln lang. Fürs Eheleben bleibt da nicht mehr viel Zeit.
Aber nu ist Schluss. Draußen lockt die frühlingshaft erwachende Natur mit Sonnenbrand und Heuschnupfen, also Glotze aus und den Blümchen mal so richtig beim Wachsen zugeschaut.
Ist eh spannender als die meisten Serien.



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