Betrifft: Selfies
- georgunbehaun
- Mar 4, 2023
- 2 min read

Bilder mit schönen oder weniger schönen Menschen im Vordergrund, die den Blick auf irgendein Motiv mit ihrer körperlichen Anwesenheit verdecken, sind so alt wie die Fotografie selbst. Früher war es die Oma aufm Sofa, allerdings nur ihr Kopf, drüber mit jeder Menge Wand und Decke auf dem Bild. Heute sind es die selbst kreierten Schnappschüsse am langen Arm. Willkommen in der Selfie-Generation: die Ich-Verliebten mit ihrem Deppen-Zepter.
Die Selbst-Inszenierung nimmt dank des handlichen Fotoapparats bzw. der Videokamera namens SmartPhone in exponentieller Weise zu. Das gab's natürlich früher auch: Ich erinnere mich an einen legendären Zwischenstopp in Singapur, als eine große japanische Reisegruppe mit uns Richtung Bali fliegen wollte. Einer aus der Gruppe stellte sich an eine eben verlaufende Rolltreppe, klemmte seine Hände stramm an die Hosennaht, starrte geradeaus ins Leere und ließ sich so von einer Mitreisenden ablichten. Nach kurzem kam der nächste und dann der nächste und dann die ganze Gruppe - immer: Mann/Frau vor ebener Rolltreppe in militärischer Haltung. Ein wunderschönes Motiv, dass noch die nachkommenden Generationen verzücken wird.
Doch das reicht heute bei weitem nicht mehr aus. Es geht ja nicht nur darum, der gesamten interessierten Welt zu zeigen, dass man seinen Astralkörper vor irgendein wichtiges oder weniger wichtiges Monument geschoben hat. Nein, man muss sich dabei inszenieren, bis zur völligen Unkenntlichkeit.
Das beobachte ich soooo gerne: Eine meist unscheinbare Thusnelda, begleitet von ihrem Lebensabschnitts-Gefährten, suchen den am besten geeigneten Foto-Hotspot aus - das allein kann eine ganze Weile dauern. Er macht Vorschläge, sie lehnt ab usw. Dann ist er endlich gefunden, und die Hauptdarstellerin lehnt sich ans Geländer / an ein Schild / an einen Baum oder an sonstwas.
Dann beginnt die zauberhafte Metamorphose, nur vergleichbar mit der Verpuppung einer Larve und ihrer Umwandlung zu einem Schmetterling: Das Gesicht blüht förmlich auf, die Augen bekommen einen schimmernden Glanz, das Kreuz wird herausfordernd durchgedrückt, der linke Fuß wird kokett auf die Fußspitze gestellt, der linke Arm in die Hüfte gestemmt. Jetzt noch mit der rechten Hand die Haare 5 bis 12mal zurechtgeschubst, und dann: Smiiiiiile! Das dann auch noch 5 bis 12mal ...
Im Anschluss geht es übergangslos in die alte unscheinbare Ausdrucksleere über, wie bei einem Ballon, dem die Luft entweicht. Und dann? Ist aller Zauber flöten. Jetzt schnell das Bildmaterial gecheckt und den Lover zusammengestaucht, weil die Bilder alle nichts taugen, dieser Loser! Dann also das ganze Gesums nochmal von vorne.
Manchmal frage ich mich, welche bedauernswerten Mitmenschen all die gestellten Bildchen betrachten müssen. Wahrscheinlich sind 99 von 100 Bildern sowiese nur für das Bildobjekt, weil sich der Rest der ignoranten Welt nicht wirklich dafür interessiert.
Um es mit den Worten des unsterblichen Medien-Poeten Oliver Kalkofe zu kommentieren: "Das ist, wie vor einem Spiegel zu onanieren und sich danach Blumen zu schicken."
PS: Folgenden Spruch habe ich noch gefunden: "Ich bin so alt - ich habe Telefonnummern mit einer Scheibe gewählt, Musik von einer Schallplatte gehört, Schwarz-weiß-Fernsehen mit einer Folie auf der Antenne angesehen und habe den ganzen Tag überstanden, ohne ein einziges Foto von mir zu machen."
Hammer - oder?!



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