Betrifft: Schönheit
- georgunbehaun
- Aug 13, 2022
- 2 min read
Updated: Aug 27, 2022

Was sieht man, wenn man hundert Frauengesichter zu einem einzigen Bild morpht? Ein vermeintlich schönes Gesicht. Das ist die Wahrheit: Wir empfinden den banalen Durchschnitt als attraktiv - wie öde. So ist das mit der Schönheit. Sie ist meistens banal und langweilig. Und für jeden irgendwie anders.

Ein Blick in die Geschichte hilft. Man betrachte sich nur die Venus von Willendorf. Holla, die Waldfee - viel Spaß. Die Altsteinzeit-Machos müssen viel, viel, viel stärker gewesen sein. Auch Herr Peter Paul Rubens mochte es recht schwungvoll und füllig - damals wäre der Diät-Slogan ‚Du darfst‘ völlig anders interpretiert worden. Ein Schwenk um 180 Grad fand dann in den goldenen 1920er Jahren statt. Da sahen die Damen aus wie kleine Jungs ohne Körperformen. Auch nicht jedermanns Sache.
Doch nicht nur die Körperformen, auch die Verhüllungen selbiger variiert recht deutlich durch die Jahre. In der Antike gingen die Damen der Oberklasse überwiegend oben ohne. Das bayerische Dirndl ist quasi ein Rudiment dieser alten Tradition. Das ist auch der Grund, warum WonderBra-Büstenhalter damals in Athen und heute in Oberbayern überhaupt keine Chance hätten.
Bei den Herren der Schöpfung ist alles etwas einfacher: enge Hosen mit Sichtbarkeit auf die Dimensionen der Männlichkeit gab es im Mittelalter wie auch heute und sind bei vielen Männern der Grund für einen verkniffenden Blick.
Eine wesentliche Veränderung in den letzten Jahren: Corona hat die Krawatte als männliches Schönheits-Accessoire getötet. Den Zuammenhang habe ich noch nicht verstanden, finde dessen Ableben aber sehr positiv - und das nicht nur deshalb, weil der Umfang meines Halses mit den Jahren nicht mehr mit dem obersten Hemdknopf kompatibel ist.

Es gab einmal eine Zeit, in der Seiden-Overalls mit Goldgürtel und Epauletten unheimlich angesagt waren. Erst durch den medialen Durchbruch von Ottmar Zittlau ging der Boom etwas zurück. Hier kann man übrigens auch schon die Schönheit von männlichen Frisuren im Laufe der Jahre erkennen.
Schuhe als Betonung der Schönheit von Füßen ist auch so eine Sache: da gibt es Jesus-Latschen, zehquetschende Renaissance-Schnabelschuhe, unförmige Disco-Plateau-Stiefel, buntige High-Heel-Chucks, aber auch formneutrale Birkenstock-Erotikkiller. Ich habe alles schon getragen, und ich finde, jede Schuhsorte hat so ihre eigenen Vor- und Nachteile.
So - war’s das mit der Schönheit?
Es ist eben wie mit allem im Leben: Nichts bleibt ewig, alles ist im Wandel. Und die Schönheit, sie vergeht, welkt, verschwindet. Sie ist oft bei anderen mehr vorhanden als bei einem selbst, glaubt man zumindest. Da das fast alle glauben, kann es wiederum ja gar nicht stimmen. Die Schönheit bescheißt uns, und wir lassen uns das Ganze gefallen - und kaufen überteuerte Cremes, Wässerchen oder leisten uns Schönheits-OPs. Wer’s mag.
Und wenn man sie braucht, die olle Schönheit, dann haut sie irgendwann einfach ab. Über Nacht. Und dann steht man morgens auf, schaut in den Spiegel und denke sich: Wo ist sie denn hin, die verdammte Schönheit? Gestern war sie doch noch da …
Ich denke mir: soll sie doch abhauen, die blöde Kuh. Kann mir mal im Mondschein begegnen, das Miststück. Ich brauche sie überhaupt nicht, ist eh langweilig. Ich mag meine Knollnase, meine Lachfalten, Hexenhaare, Muttermale, regionale Cellulitis (bitte nicht mehr, es reicht schon), Gewebedellen, Schlupflider und Pigmentflecken. Und ich finde sie alle: schön! So.
Ist halt alles Geschmackssache, das mit der Schönheit.



Comments