Betrifft: Radio
- georgunbehaun
- Feb 4, 2023
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Musik ist ein enorm wichtiger Teil in meinem Leben. Politik auch. Und das Radio hat mich in beiden Fällen über all die Jahre treu begleitet. Wir verstanden uns meist sehr gut, aber unsere Beziehung hatte ernsthafte Krisen. Wie das halt so ist in einer langen Beziehung. Zum Beispiel bei der Live-Übertragung von der Frankenschau, moderiert von Lotti Ohnsorge. Da knirschte es gewaltig.
Aber von Anfang an: Da ich im schönen Bayernland aufgezogen wurde, war der Bayerische Rundfunk meine Quelle der Töne, hier und da unterstützt durch die Kanäle unserer österreichischen Nachbarn. Und das war nur sehr eingeschränkt zielführend.
Denn das Radio war damals eher etwas für die betagte Nachkriegsgeneration, mit viel Schlager, etwas Swing und ein wenig Stub’n-Musi für die noch Älteren. Höchstens der Pumukl hat einen am Samstagnachmittag fröhlich angekrächzt. Aber Musik für die Altersgruppe ‚Nicht mehr Windelträger und noch nicht scheintot‘ war Mangelware.
Die Alternativen waren nicht wirklich welche: ein Piratensender in Südtirol mit Grotten-Qualität oder der Sender RTL auf Langwelle im 49-Meter-Band (was immer das bedeutete). Dort moderierten so flotte Typen wie Frank Elstner und der hippe Brusttoupet-Träger und bebrillte Minipli-Lockenbesitzer Dieter Thomas Heck (mein Gott, bin ich schon alt). Aber das Signal kam meist nur bei Föhnwetter durch.
Und dann, eines Tages, wurde der BR-Sender Bayern drei aus der Taufe gehoben - und es wurde etwas besser. Ja, sicher, es gab trotzdem noch am Nachmittag Sendungen wie „Let’s swing!“ oder „Howdy, Country- und Western-Fans“ oder „Canzone, Lieder und Chancons“ sowie anderes Lala aus dem verschnarchten Äther, aber irgendwann auch „Pop nach acht“ mit zwei lustigen Jungdynamikern namens Günter Jauch und Thomas Gottschalk.
Das Leben bekam wieder einen Sinn. Also immer den Finger am Kassettenrekorder, um ja nicht den Anfang des neuen Lieblingssongs zu verpassen. Und am Freitag gab’s den absoluten Höhepunkt: die „Schlager der Woche.“ Da nahm man es in Kauf, dass es noch andere prickelnde Sendeformate gab wie: „Gute Fahrt und gute Reise“ mit Hans-Heinz Hattkämper, der genauso spannend moderierte wie er hieß. Oder die phantastische sportliche Mitmach-Sendung für Sesselfurzer namens „Isometrische Tipps mit Ilse Buck“ bei jeder Menge Klimperklamper am Klavier („So, und jetzt wird es etwas beschwingter …“).
Aber mit der Zeit verkümmerte der Sender und das Musikangebot, das Lauschlappen-Erlebnis wurde immer öder und muffiger. Die Luft war raus, es wurde Zeit für etwas Neues. Und es kam eine große Hoffnung auf frischen Wind: die privaten Sender. Was war das für eine Freude! Mindestens eine ganze Woche lang. Dann war jedem klar wie Kloßbrühe, dass die Vorfreude sowas von verfrüht war: die unlustig labernden Moderationsimitatoren dudelten immer denselben Krempel und gingen einem schon vor Ablauf des Welpenstatus' gehörig auf die äußeren Geschlechtsorgane.
Das Radio und ich - heute ist unsere langjährige Beziehung auch inhaltlich ganz schön in die Jahre gekommen. Bayern drei ertrage ich meist so rund fünf Minuten, wenn der erste ‚Das klingt doch so, als ob ich es heute schon zehnmal gehört habe‘-Song vorbei ist und dann die nächste lärmende Attacke in Form von Hiphop-Blubber loslegt mit irgendeinem Typen, der mich reimtechnisch zutextet über etwas Sinnfreies, was mich vermutlich nicht wirklich interessiert. Dann schalte ich um.
Heute gibt's wenigstens ein paar nostalgische Privatsender für vernachlässigte Randgruppen mit Musik aus der akustischen Vorvergangenheit („Die besten Hits der 70er und 80er“). Oder es gibt BR24, den Nachrichtensender. Da lande ich immer dann, wenn ich an der musikalischen Welt verzweifelt bin und nun lerne, warum ich das in Bezug auf die restliche Welt auch berechtigterweise tun kann: von Corona über die Ukraine, vom Iran bis Taiwan, von Corona bis Klima-Chaos. Es ist alles eine Katastrophe, wo man auch immer hinhört.
Hier halte ich es aber mit unseren österreichischen Nachbarn. Während wir Deutschen stets sagen: „Die Situation ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, meint der gemeine Ösi ganz richtig: „Die Situation ist hoffnungslos, aber nicht ernst.“ Und im Notfall mache ich mir dann lieber selber meine Musik und bin meistens der festen Überzeugung, dass sie mir gut gelungen ist.
Es lebe der akustische Onanie!



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