Betrifft: Political Correctness
- georgunbehaun
- Oct 1, 2022
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Frage: was ist der Unterschied zwischen der neuen deutschen Diskussionskultur und einem Hundehaufen? Keiner: beide sind gefährliche Tretminen. Ein falsches Wort, und ein Shitstorm kann losbrechen, von dem die Apokalyptischen Reiter sich noch eine Scheibe abschneiden können. Also: immer schön politisch korrekt sprechen - sonst setzt‘s was.
Überall sind Minderheiten im Aufruhr, egal, in welcher Disziplin man nicht mehrheitsfähig ist: ob nun Ethnik, Geschlecht, Alter, sexuelle Neigung, nationale Zugehörigkeit oder Behinderungen: es steigt die Empörung über vermeintliche Diskriminierungen.
Fragt man eine asiatisch aussehende Person, wo denn ihre Wurzeln liegen, ist man ein Rassist, das geht ratzfatz. Pipi im Taka-Tuka-Land? Das ist Literatur des alltäglichen Rassismus. Und es gibt keine Farbigen mehr, nur noch People of Color, weil nach Ansicht der geheimen Sprachpolizei im Deutschen alle Begriffe für nicht-Weiße „… rassistisch konnotiert sind.“ Behinderte sind Menschen mit Behinderung oder Andersbegabte, Eskimos sind Inuit, Winnetou ist kein Indianer mehr, sondern Angehöriger eines indigenen Volkes und so weiter und so weiter.
Dahinter steckt eine völlig richtige Erkenntnis und eine völlig falsche Schlussfolgerung. Die Erkenntnis: Sprache prägt das Bewusstsein - ja, abfällige Bezeichnungen können gewaltig diskriminieren (hat da jemand gerade ‚alter Sack‘ zu mir gesagt?). Aber daraus zu schließen, dass man echten Rassismus mit kreativen Wortschöpfungen erfolgreich bekämpfen kann, ist naiver Blödsinn von weltfremden Gutmenschen. Und "Nimm deine Finger weg, du blöder LGBTQ (steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender & Queer)!" statt: "Pfoten weg, Du Tunte" hat noch niemanden zum toleraten Mitbürger mutieren lassen.
Wir leben im Zeitalter der großen Empfindsamkeiten. Überall tummeln sich hochsensible Prinzessinnen auf Erbsen, überall verstecken sich feinste Seismographen, die jede sprachliche Flatulenz registrieren und sofort Alarm schlagen. Und dann ist die Empörung groß, ja: ein Skandal ist das, einfach unerhört, sowas.
Irgendwie erinnert mich das verbale aufgeregte Geflatter eher an Filme mit Theo Lingen oder Heinz Rühmann und ich fand es schon damals recht albern. Vor meinem geistigen Auge fuchteln da hochbetagte Greise mit ihrem Krückstock ganz nah vor meiner Nase, die Augen blutunterlaufen, und der Sabber läuft aus ihren zahnbefreiten Mündern.
Jede Minderheit nimmt für sich heute in Anspruch, den öffentlichen Raum mit ihrem fetten Hintern zu besetzen - New Media machen’s möglich. Da haben Frutarier endlich ihr Coming-out (also Menschen, die nur verzehren, was ihnen die Natur freiwillig gibt - Getreide darf man übrigens auch essen, denn das wird ja von der toten Pflanze genommen, dann tut's ihr ja nicht mehr weh ...), hier finden Zeitgenossen mit einer saftigen Koumpounophobie ihr neues Zuhause. Das sind Menschen, die Angst vor Knöpfen haben - vor Knöpfen! Das Leben ist bunt. Und als ganz durchschnittlicher Angehöriger der unterdrückten Mehrheit fühlt man sich langsam in der Minderheit. Das hört sich nicht nur paradox an.
Und somit muss man immer öfter verbal auf Zehenspitzen laufen, um ja nirgends anzuecken. Bloß nicht unabsichtlich ins Fettnäpfchen treten, am besten Problemfelder gar nicht anschneiden, immer auf dem allgemeinen Konsenslevel schweben. Konflikte und Streit verärgern nur, schnell ist die Empörung wieder groß, alle rollen dann die Augen und der Schnauzbart von Recep Tayyip Erdogan beginnt zu beben.
Auch schön: das Reizthema Kulturelle Aneignung, also beispielsweise weißhäutige Pickelgesichter mit Rastalocken und Reggaemütze. Geht gar nicht. Ist kulturelle Ausbeutung und Lächerlichkeitsdiskriminierung und überhaupt. Was für ein gigantischer Schwachsinn: Wenn auf dem Münchner Oktoberfest aufgedrehte Hühner aus aller Herren Länder einfallen, dann tragen viele Dirndl mit Schlitz im Rock und Glitter im Ausschnitt, sabbeln dabei sächsisch oder knödeln texanisch und sind nach einer Maß Bier recht kontaktfreudig - und ich kenne kein einziges männliches bajuwarisches Wesen, das sich jemals darüber aufgeregt hätte. Ganz im Gegentum.
Fazit: Wo soll uns das alles hinführen? Wenn wir nicht aufpassen und nicht weiterhin einfach so reden, wie uns der Schnabel gewachsen ist - bei aller gebotenen Höflichkeit - dann katapultiert uns die Political Correctness in eine diskussionstechnische Inhaltsleere - in politisch korrekte Sprachlosigkeit. Und irgendwann werden wir uns nur noch wortlos angrinsen und zunicken wie bekiffte Äffchen. Hallo?! Gehts noch?!
Ich finde das einfach empörend!



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