Betrifft: Over-Tourism
- georgunbehaun
- Mar 18, 2023
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Das haben wir alles Wolfgang Rademann zu verdanken, dem Erfinder der Schwarzwaldklinik. Der hat nämlich auch die Serie für fröhliche untote Geronten namens ‚Traumschiff‘ vom Stapel gelassen - und damit eine Welle von gnadenlosen Kreuzfahrt-Kreuzzügen entfesselt, die sich zum Ziel gesetzt haben, die schönsten Flecken des Erdenrunds zu zertreten. Genau wie das alternative Okkupationsprogramm für jüngere Kriegszügler: Instagram. Willkommen im Zeitalter der Sandalen-Vandalen-Heuschrecken. Heute mal ganz unlustig.
Das Mittelmeer ist ihr präferiertes Jagdgebiet: Dobrovnik, Barcelona, Rom, Korfu, Santorin, Taormina, Venedig und so weiter und so weiter. Hier fallen die schwimmenden Hochhäuser bevorzugt ein. Erscheint eines am Horizont, ist es meist schon zu spät. Denn dann speit so eine Dreckschleuder schnell mal tausende von bequemlichkeitsliebenden Trägern weißer Baseball-Kappen aus, weißen Shirts und Shorts, weißen Tennissocken und weißen Sneakers. Diese Horden fluten dann kleine Gässchen und mittelalterliche Piazzas wie ein gut gelaunter Heuschreckenschwarm mit Fototäschchen und Brillen mit hochklappbaren Sonnengläsern.
Der örtliche Wirtschaft bringen sie fast nichts ein außer Müll, denn gegessen und gepennt wird an Bord. Da bleibt nur der Kauf von irgendwelchem Touri-Nippes made in China. Dafür hinterlassen sie ihre Ausscheidungen vor Ort, damit man sich noch lange an sie erinnern kann.
Und die haben es in sich: Kreuzfahrtschiffe fahren mehrheitlich mit Schweröl und verbrauchen davon täglich im Schnitt 150 Tonnen. So ein schwimmendes Monster stößt pro Tag so viel CO2 aus wie fast 84.000 Autos, so viel Stickoxide wie etwa 421.00 Autos, so viel Feinstaub wie mehr als 1 Million Autos und so viel Schwefeldioxid wie gut 376 Millionen Autos. Und die neuen CO2-neutralen Kähne sind noch weit in der Minderzahl.
Auch toll sind Instagram-Lokationen. Einmal gepostet, dienen sie als Kompass für abertausende Besucher, die ihr Selfie genau dort machen wollen, wo die abertausend anderen Instagramer auch schon ihr Selfie geschossen haben. Individualität als Massenerscheinung. Was bitte ist orginell an einem Ort, den x andere auch schon 1:1 so abgelichtet haben, nur mit ihren auswechselbaren Grinsegesichtern? Gar nix. Zurück bleibt meistens eine missbrauchte Örtlichkeit und jede Menge Zivilisationsdreck.
Over-Tourism ist eine echte Plage. Sie entspricht dummerweise unserem Zeitgeist, der hemmungslos komsumiert und nicht hemmungslos genießt, dem die Selbstinszenierung wichtiger ist als der Erhalt der Schönheit von schönen Orten, der keine Verantwortung kennt und übernehmen will.
Wie in so vielen Bereichen ist es auch hier Zeit umzudenken und umzuhandeln (ich weiß schon: gibt’s nicht). Viele Orte wehren sich mittlerweile und schränken die Anzahl der Pötte pro Tag ein. Ob das reichen wird, der geballten Finanzmacht der Kreuzfahrt-Mafia die Stirn zu bieten, kann man getrost anzweifeln.
Die einzige Waffe, die wirklich trifft: Einfach nicht buchen.
Schoschens Welt nun auch auf YouTube.



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