Betrifft: Ostern
- georgunbehaun
- Apr 15, 2022
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An dieser Stelle möchte ich in unregelmäßigen Abständen meinen Senf zu Themen rund um Gott und der Welt, um Beziehungen, Politik und den ganz normalen Wahnsinn im Alltag absondern. Los geht’s aus gegebenem Anlass mit einem christlichen Fest, das für mich ganz viel mit Familie, Autostaus und Musikverstimmungen zu tun hat.
Die Nase juckt, Saharastaub liegt auf Gartenmöbeln und Autodächern, die Forsythien blühen quietschgelb, im Wald färben sich die weggeworfenen Weihnachtbäume zartbraun und die Haselnusstauden bringen erwachsene Männer zum Weinen: der Frühling klopft an die Tür.
Man weiß, dass das Fest der Auferstehung Christi nicht mehr weit ist, wenn in der Metro-Großmarkthalle ein fast zwei Meter großer Lindt-Goldhase mit Glöckchen am roten Halsband aufgestellt wird - also kurz nach Weihnachten.
Dann zwinkert einem in der Glotze ein freundlicher älterer Herr mit Kochmütze zu, der in einer goldenen Küche in einem goldenen Topf eine schwarzbraune Pampe verrührt und aussieht wie der rasierte Weihnachtsmann.
Mittlerweile gibt‘s sogar vegane Lindt Schmunzelhäschen. Vegane Hüftspeckverstärker ganz ohne Fleisch, das habe ich mir schon ewig gewünscht.
Als ich vor einem halben Jahrhundert das erste Mal in den USA war, gab es eine Sprayflasche mit flüssigem Käse, auf der stand: ‚no coffeine’. Fand ich toll. Der ekelerregende Inhalt war wohl auch nicht mit Reißnägeln, Asbest oder Sprengstoff versetzt, hoffte ich. Aber das stand nicht auf der Flasche.
Nun also vegane Osterhäschen, und das auch noch in giftgrünem Stanniolpapier. In Zusammenhang mit der mutierten Größe sind das perfekte Zutaten für einen veritablen Albtraum nach einer Überdosis Eierlikör.
Oft sind es ja gerade die Erinnerungen aus der Kindheit, an denen man sich zu solchen Anlässen mit einer Mischung aus Freude und Melancholie zurückversetzt fühlt. Bei mir war Ostern immer fest verbunden mit einem Besuch mit meiner Mutter bei meiner Großmutter in der beschaulichen pfälzischen Stadt Speyer.
Meine Vorfreude war meist recht überschaubar, angesichts der Perspektive auf eine Woche zwischen zwei dominanten Damen mit uninteressanten Themen, und das ohne Geschenke als Kompensation, außer ein paar läppischen Schoko-Eiern.
Das steigerte sich noch in der wunderbaren Zeit der Mannwerdung, auch ‚Ich könnte ihn mehrmals täglich an die Wand klatschen‘-Phase oder fachmännisch: Pubertät genannt. Damals war ich in mich gekehrt, zeigte deutlich Unwillen an meiner sozialen Umgebung und bildete mich wöchentlich anhand der Lektüre ‚Bravo‘.
Hier lernte ich, dass nur das Mittel Clearasil mich daran hindert, dass ich Akne bekomme und dann aussehe wie ein Streuselkuchen. Ich lernte, dass Mädchen Brüste bekommen und ein Zungenkuss nicht unbedingt zur Schwangerschaft führt. Niemand verstand mich so gut wie Doktor Sommer.
Mein damaliger Musikgeschmack hatte praktisch keine Überlappungen mit den beiden Damen: ich verehrte schrägen Glamrock von Marc Bolan oder The Slade, meine Mutter lauschte Musikbarden wie Reinhard Mey oder softigen Franzosen-Trällerheinis und für meine Großmutter gab es neben Klassik eh nur Lärm. An Ostern war die Matthäus-Passion Pflichtprogramm: fast drei Stunden gesungene Bibel - danke auch.
Ich zog mich zurück mit meinem Kassettenrecorder und sang kräftig „Mama, weer all over crazy now“. Da wurde es meiner Großmutter zu bunt, und sie zwang mich dazu, mit ihr und meiner Mutter die Matthäus-Passion anzuhören, erzeugt von knackenden Schallplatten und begleitet vom recht schiefen Gesang meiner direkten Verwandtschaft - ein wirklich unvergessliches Erlebnis, das nicht enden wollte.
Als es dann akustisch endlich doch zu Ende ging mit unserem Herrn Jesu, schaute mich meine Großmutter erwartungsvoll an und meinte: ‚Na, wie hat dir das gefallen?“ Ich erwiderte: „Hm, ja, ganz nett, etwas lang. Aber wie gefällt dir denn das?“ Ich startete meinen Recorder, drehte den Song ‚Teenage Rampage‘ von The Sweet auf und fragte nach dem lärmenden Inferno: „Na, Oma, hat Dir denn das gefallen?“
Sie meinte nur kurz und bestimmt: „Nein, gar nicht!“, und damit war unsere musikalischer Gedanken- und Geschmacksaustausch auf unabsehbare Zeit beendet. Später hat mir meine Mutter erzählt, sie hätte danach zu ihr beim Abwasch gesagt: „Was war das doch früher für ein nettes Kind …“
Heute liebe ich die Matthäus-Passion und bekomme feuchte Augen bei der Arie ‚Ich will Jesum selbst begraben‘, und das ganz ohne Haselnussstauden. Wahrscheinlich brauchte ich die Zwangsverhörung, um sie wirklich lieben zu lernen.
Danke Oma!



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