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Betrifft: Oktoberfest


Es ist wieder soweit: der Sommer ist endgültig vorbei. Denn auf der Theresienwiese stehen sie schon, die gigantischen Sauftempel zum Massenmord an grauen Zellen. Noch müffelt es nicht nach abgestandenem Bier, modrigem Steckerlfisch, nach überwürzten Hendln, gebrannten Mandeln und frisch Erbrochenem. Aber man kann es schon ahnen: S’is bald wieder Wies’n, das Gaudifest für Italiener, Australier, Amis und unbelehrbare Münchner. Selber schuld.


Mitte September geht der Wahnsinn in seine entscheidende Phase: Der Oberbürgermeister drischt aufs erste Bierfass ein, schreit: „O’zpft is's!“ und das alkoholische Schicksal nimmt seinen Lauf. Quietschige Sachbearbeiterinnen im Kaufhaus-Dirndl mit Taschentuch-Push-Up-Unterstützung tanzen dann auf den Bänken mit Sparkassen-Finanzberatern, verkleidet mit lustigen rot-weiß karierten Halstüchern und filzigen Deppenhüten.

Das Oktoberfest ist auch ein Fest für die Sinne. Neben den Düften aus der Küche und den Toiletten sind die Ohren starken Schallwellen ausgesetzt. Und ist mal die erste Besuchswelle angekommen, schreit man sich permanent an, meist jedoch in freundlicher Absicht. Wenn diese Art zwischenmenschlicher Kommunikation dann auch nicht mehr funktioniert, so wird es Zeit, die fantastischen Wies’n-Evergreens mitzujodeln, welche von der Zeltband zum besten gegeben werden.


Schlimme akustische Verirrungen feiern hier ein Untoten-Revival der besonderen Güte: Von „Life is life“ über „Take me Home, Countryroad“ bis „Heeeeeey, Baby - uh - ah!“ Was für ein Spaß! Und dann immer wieder: „Die Krüüüüge hoch“ und „Ein Prosit, ein Prosit, der Gemütlichkeit“ und „Oans, zwoa, g’suffa!“ Das erträgt man erst ab der dritten Maß, vorher hat das Ganze eher surreale Züge. Da muss man sich eben nicht nur seinen weiblichen Gaudi-Nachbarn ‚schönsaufen’, wie der Fachmann es nennt.

Für uns Münchner ist das alles ein Riesen-Problem: Der Bayer generell ist nicht lustig, wenn man es von ihm erwartet - gerade dann nicht, mit Fleiß. Also eigentlich ein Grund, sich grantig ans andere Ende der Bierbank zu hocken, die Arme zu verschränken und den Maßkrug missmutig anzustarren. Aber das ist auf der Wies’n verboten. Also: pack ma's, es wird ja wohl irgendwann vorbei sein - hoffentlich.


Es beginnt mit der Frage, der man ab Anfang September nicht mehr ausweichen kann: „Na, wann bist Du jetzt auf der Wies’n?“ die einzig akzeptable Antwort des gemeinen Münchners: „Ich weiß noch nicht, aber ich muss wohl (x)-mal raus - oh mann, ich hab so überhaupt keinen Bock drauf.“ Begeisterte Münchner Wies’n-Gänger sind potenzielle Mobbingopfer: hoffnungslose Säufer, oberflächlich, hinter angeschiggerten Mädls her, primitive Lederhosen-Dimpfl halt. Daher lieber immer tiefstapeln, um nicht dann einsam in der Ecke zu stehen.

Und irgendwann kommt er, der Tag der Wahrheit: Die erste Phase ist bestimmt von aufgesetzter Fröhlichkeit - schließlich ist das ja kein Spaß hier. Smalltalk, Tratsch, ein wenig Politik, der letzte Urlaub, warum die Wies’n eigentlich a Blädsinn ist, nur was für die Touris, die wissen’S ja eh nicht besser. Bald kommt die erste Maß, eine Riesenbrez’n gleich dazu, damit der Alk nicht gleich so reinhaut.

Die nächste Maß Gerstensaft führt über in Phase zwei: Langsam ist der Gesprächspartner ganz sympathisch, man erkennt Gemeinsamkeiten, lästert über andere, macht sich Komplimente und wird spürbar lockerer. Das setzt sich so fort bis zur 3. oder 4. oder 5. Maß, bei der man dann schon fast innige Freudschaft empfindet und gerne ins Du übergeht: "Ich bin fei der Schosch!". Und dann fängt das richtige Wies’n-Feeling an. Jetzt aber: auf die Bänke, auf die Tische, die Sau rauslassen, gröhlen bis zur Stimmbandzerrung - und g'rad schee is’s!

Phase drei ist dann weniger prickelnd: der Körper fühlt sich rundrum gesättigt und ist zunehmend gestresst dank des eskalierenden Ping-Pongs von Bier und Brez’n, Bier und Hendl, Bier und Mandeln - bis er endlich streikt, zeitgleich mit den verklebten Hirnsynapsen. Der Erfolg ist ein allgemeiner Systemstillstand.


Deshalb wird’s nun langsam Zeit, die surreale Mutter aller Zeltplätze langsam aber sicher wieder zu verlassen. Jetzt geht’s wankend zur nächsten ÖPNV-Station, in der stillen Hoffnung, dass die letzte S-Bahn doch noch nicht weg ist. Und an den Rest erinnert man sich am nächsten Morgen eh nicht mehr - ist meistens auch besser so.

Aber auch wenn man’s als echter Münchner nicht zugeben mag: es hat doch wieder mal Spaß gemacht, irgendwie. Also dann im nächsten Jahr halt doch wieder:


Die Krüge hoch!



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