Betrifft: München
- georgunbehaun
- Apr 22, 2023
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Meine Heimatstadt. Die Weltstadt mit Herz. Das Millionendorf. München, die schönste Stadt der ganzen Welt, umgeben von hohen Bergen und klaren Seen. Wo sich die Schönen mit den Reichen abbusseln. Na ja.
Scheee is's schooo, unser Minga, mit seinen breiten Straßen, gemütlichen Biergärten, vielseitigen Museen und großzügigen Grünflächen. Mit vielen Vorteilen einer kleinen Gemeinschaft und einer mondänen Metropole, ohne deren Nachteile, wie beispielsweise piefige Kleinstadt-Langeweile oder beängstigende Großstadt-Kriminalität. Hat schon was.
Aber der Verkehr ist im Gegensatz dazu ‚the Worst of Both Worlds.‘ Ein recht beschupster Planer, dem als Kind vermutlich ein Ziegelstein auf den Halsverschluss gefallen ist, hatte die grandiose Knallchargen-Idee, das Streckennetz der S-Bahn zu bündeln, und er erfand die sogenannte Stammstrecke. Die Begriffe ‚Flaschenhals‘ und ‚ÖPNV-Verkehnsinfarkt-Garantie‘ waren schon vergeben. Wenn heute dann mal ein Triebwagen aus Materialermüdung oder schlechter Laune einfach liegenbleibt, darf man die soziale Nähe der schwitzigen immobilen Leidensgenossen noch länger genießen als erhofft.
Beginnen die Forsythien damit, die Vorgärten gelb zu färben, bekommt der gemeine Münchner ein merkwürdiges Zucken, das nicht aufhören will und nur mit einem Besuch des größten städteeigenen Sees heilbar ist: dem Gardasee. Dann fällt er in einem kilometerlangen Autokorso in den südlichen Nachbarn ein und holt sich zurück, was man ihm seit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation weggenommen hat. So isser halt, der Italiener.
Die Isar ist dem gemeinen Münchner sein bevorzugtes innerstädtisches Feuchtbiotop. Sind die Sonnenstrahlen des Frühlings mal eingebrochen, kann man die ersten mutigen Sonnenanbeter und Badefetischisten vom Mittleren Ring aus beobachten, während man gerade genervt im Morgenstau den schwafeligen Klatsch-Affen im Dudelfunk lauscht. Im Sommer wird dann der Isar-Abschnitt namens Flaucher eingeräuchert von unzähligen Wegwerf-Grills, deren Ausdünstungen man noch aus dem Weltraum erkennen kann. Und wahrscheinlich auch riechen.
Ganz wichtig für praktisch jede Konversation ist der Fön, ein Fallwind, den uns die Italiener über die Alpen schicken und der schon viele regionale Meteorologen in den Selbstmord getrieben hat, denn vorhersagen lässt er sich nicht einfach, da könnte er echt ein Münchner sein.
Man merkt schnell, dass wieder Fönwetter herrscht, denn dann wird der Berufsverkehr zum Schlachtfeld, dass man meinen könnte, man sei in dem Land unterwegs, in dem nach Ansicht eines Herrn Goethe die Zitronen blühn (auch deshalb behaupten viele, München sei die nördlichste Stadt Italiens). Denn der Fön macht bei Gefühligen Kopfweh oder schlechte Laune. Oder beides.
Und er dient als beste Ausrede der Stadt. „Nee, heute gehe ich nicht aus dem Haus, mein Schädel brummt so wegen dem verdammten Fön.“ Und nur der Liebe Gott weiß, wie viele Kinder das Licht der süddeutschen Welt nicht erblicken durften, weil der dafür erforderliche geschlechtliche Vollzug durch die Fön-Ausrede erfolgreich verhütet wurde.
Apropos München, die Stadt mit Herz: In Medizinkreisen sprach man im 19. Jahrhundert vom sogenannten Münchner Herz. Das war bis zu dreimal so groß wie das eines normalen Menschen. Der Grund: Der Münchner liebte das Bier sehr und übte seine Leidenschaft intensiv aus. Das sorgte auch dafür, dass die Lebenserwartung sieben Jahre kürzer war als der Durchschnitt.
München und sein Bier: Um den süffigen Gerstensaft kühl zu lagern, suchte man nach Bäumen mit großen Blättern und fand sie in Bulgarien. Von wegen ‚Kastanien sind urtypische bayerische Gewächse‘.
Die Biergärten waren geboren. Und gleich gab‘s Ärger. Denn die sieben Münchner Brauereien hatten die zünftige Geschäftsidee, das Eigengebräu gleich hier an Ort und Stelle zu verkaufen, inklusive dem deftigen Essen für die durstigen Hauptstädter.
Das fanden wiederum die Wirtsleute nicht so prickelnd und probten den Aufstand. Man einigte sich schließlich darauf, dass die Gäste ihre Brotzeit selbst mitbringen durften. Und das ist bis heute so, unter den Kastanienbäumen.
In deren Schatten genießt der Einwohner der Isar-Metropole sein Bier in Maßen. Hier herrscht absolute Klassenlosigkeit, wie im Paradies des Kommunismus. Da sitzt der Mechatroniker neben dem Filialleiter, der Frührentner neben dem Oberstudienrat. Und wenn jemand meint, er sei etwas Besonderes, dann kann er drauf warten, dass er derbleckt wird. Leben und leben lassen.
München leuchtet nicht nur, wie Thomas Mann anerkennend feststellte. Das Isar-Athen war bis zur nazistischen Barbarei auch eine künstlerische Eruption, ob in Literatur, Malerei oder Architektur.
Die Nazis wurden hier erfunden und kürten sie zur ‚Stadt der Bewegung.‘ Ihnen haben wir das potthässliche ‚Haus der Kunst‘ zu verdanken, außerdem jede Menge Bombennächte und die mindest ebenso zerstörerischen Neubauten wie den monströsen Kaufhof-Steinwürfel am Marienplatz.
Aber die Zeiten, sie ändern sich. Oder ich werde einfach alt. Oder beides. Denn mehr und mehr trifft man auf Gestalten, die sowas von unmünchnerisch wirken, dass man sich fürchten kann: der Münchner 2.0.
Die weiblichen Exemplare dieser sich sprunghaft ausbreitenden Spezies fahren ein 5.000 Kröten teures dänisches Lastenfahrrad und stopfen vegane Esswaren links und rechts neben ihrer Brut in den Laderaum, die sie in Läden gekauft haben, in denen es immer so komisch nach Fischfutter riecht.
Die Hipster-Männchen sehen von vorne aus wie ein zugewachsener kanadischer Holzfäller und von hinten wie Oma Bolle, mit ihren Dutt, den man Man-Bun nennt. Sie machen in Mode und Style so ihr eigenes Ding und sehen deshalb doch wieder alle gleich aus. Sie tragen Hornbrillen und einen Jutesack mit politischer Aufschrift.
Dazu kommen immer mehr Zuagroaste, die von den fetten Gehältern bei Microsoft, Google, IBM oder Facebook angezogen werden wie die Motten vom Licht. Super-Mischung: das Münchner Leben wird also wahrscheinlich gesünder und unbezahlbar, na bravo. Da warte ich jetzt beim nächsten Biergarten-Besuch auf vegane Brezen aus handgepflücktem Dinkel und Bier aus fair gehandeltem Hopfen, das ganze als to-go-Package in der wiederverwendbaren Fitness-Box für nur 29,99 Euro. Meeega.
Hab jetzt schon keine Lust mehr.



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