Betrifft: Krankenhäuser
- georgunbehaun
- Oct 5, 2024
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Man geht des öfteren gerne ins Kino oder ins nächste Kaufhaus. Man geht oftmals weniger gerne ins Büro oder zum Arbeitsamt. Aber man hasst es, ins Krankenhaus zu gehen, und zwar sowohl als Patient als auch als Arzt oder als Pfleger. Warum nur? Hm, wo soll man anfangen? Und wo enden? Reden wir über die Feindlichkeit gegenüber moderner Technik. Du kriegst die Tür nicht zu.
Zugegeben: es war früher noch viel übler. Betrat man die Siechenhäuser, so schwebte einem eine Duftmischung von Linoleumwachs, Chloroform und alter Mann entgegen. Eine dicke Dame mit Oberlippen-Flaum in Polyester-Kittel saß hinter der holzfurnierten Rezeptionstheke, roch nach betörendem Damenschweiß und starrte den ungebetenen Besucher mürrisch an, da er sie am Lesen in der ‚Frau im Bild‘ abhielt.
Heute ist der Platz meist unbesetzt, und man muss selbst schauen, wie man sich durch die unverständlichen Orientierungshilfen im klinischen Labyrinth zwischen Gastroenterologie und Palliativ-Abteilung durchschlägt. In künftigen Neuzeit-Archäologie-Projekte wird man Gerippe in Treppenhäusern und Kellerräumen entdecken.
Als Gast in einem der Schlachthäuser sollte man fit im Ausfüllen von Myriaden sinnvoller und sinnfreier Formulare ausfüllen - mehrfach und oft immer die gleichen Informationen. Das bringt viel Spaß und überbrückt die Stunden, die man in den Wartezonen verbringt und den blattfreien Fikus anstarrt. Da ist das eine echt gute Beschäftigungstherapie.
Und dann kommt man irgendwann zum Onkel Doktor oder der Tante Doktor. Vor dem Jahrtausend-Wechsel versank man in diesem Moment vor Ehrfurcht angesichts der göttlichen Zuwendung, heute hat man schnell Mitleid mit der gestressten und trotzdem immer noch freundlichen Kreatur: Augenringe wie ein Brillengestell, stresshafte Fahrigkeit, der Piepser meldet sich, sorry, muss mal schnell ans Telefon; so, wo waren wir nochmal stehengeblieben? …
Moderne Entscheidungsstrukturen? Internet als gigantische Wissensbasis? Künstliche Intelligenz als wertvoller Assistent? Vergiss es. Protokolle werden immer noch ins Diktaphon gesprochen, Formulare immer noch kopiert und abgeheftet, Dateien werden per Cut & Paste erstellt - aus Infos, die schon x-mal im System rumliegen. Und das Fax schnurrt dazu.
Geht da noch was oder haben wir schon aufgegeben, unser Gesundheitssystem ins 21. Jahrhundert rüber zu hieven? Manchmal glaube ich nicht mehr dran, manchmal blinkt wieder Hoffnung auf. Es ist eigentlich nicht wirklich schwer, und richtig kostenintensiv ist der aktuelle analoge Betrieb, nicht die Umstellung auf integrierte Systeme.
Alles jammert, die Belastung nehme laufend zu, ob als Arzt, Pfleger oder Sachbearbeiter. Und die Patienten bekommen einen Service, der oftmals seinen Namen nicht verdient. Aber woran liegt es, wenn doch alle diese Missstände ändern wollen. Es ist das Problem der Waldarbeiter mit der stumpfen Säge: sie nehmen sich nicht die Zeit, ihre Sägen zu schleifen, weil sie ja dauernd Bäume fällen müssen ...
Statt mal Tabula rasa zu machen, die Ärmel hochzukrempeln und gemeinsam die Probleme an den Wurzeln zu packen, wird der Mangel umschifft und nicht angerührt - bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. So wird es mit Sicherheit nichts. Der Liebe Gott hat uns Schmerzen geschenkt, damit wir zum Zahnarzt gehen, bevor der Mundraum zur Ruine wird. Das wünsche ich mir auch im Klinikbetrieb. Aber obwohl es schon sehr weh tut, lebt man irgendwie damit.
Dabei ist es nicht schwer und auch nicht teuer: redundante Prozesse können zusammen gelegt werden, Papierarbeiten können digitalisiert werden, einfache Computerarbeiten können automatisiert werden, Kommunikation kann mit KI unterstützt oder ersetzt werden.
Man muss es halt einfach machen.



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