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Betrifft: Japan (1/2)


Ein Kollege meinte zu mir: „Wenn Du viel durch die Welt reist, kommst Du an Orte, die Dir immer ein wenig vertraut vorkommen - spätestens, wenn Dich die erste McDonalds-Plakatwerbung anschreit. Dann kommst Du nach Japan, und alles ist anders.“ Recht hat er: Japan ist nicht nur ein atemberaubendes Land, es ist eine grundverschiedene Geisteshaltung, ein nebulöser Zustand, eine asiatische Überforderung, ein schillerndes Mysterium auf vier Hauptinseln. Zuviel für nur einen Blog. Aber legen wir erst mal los.


Fangen wir an mit dem Thema Reinlichkeit. Da kennt der Japaner und die Japanesin keinen Spaß. Überhaupt wird nicht so viel gelacht. Schon gar nicht auf Toiletten. Da wird geduscht, also unten rum. Ich habe nicht ein einziges Mal gewagt, es auszuprobieren, schon wegen des Klopapiers: das ist 0,5-lagig und reißt schon beim scharfen Anschauen. Das ist einer großen Industrienation unwürdig und vielleicht einer der Gründe für die wirtschaftliche Misere, unter der das Land der aufgehenden Sonne seit Ende der 1980er Jahre leidet.

Aber ansonsten ist Japan in Sachen Reinlichkeit ein imponierendes Vorbild für die ganze Welt. Denn Japaner schmutzen nicht. Wie sie das machen, ist mir noch nicht ergründlich, aber die 125 Millionen Nipponesen auf den Hauptinseln Hokkaido, Hondschu, Shikoku und Kyushu kriegen das hin. Deshalb braucht es auch keine Abfalleimer. Am Boden flattern keine Verpackungen oder Essensreste. Wehe dem, der eine Bananenschale wegwerfen möchte. Mein Tipp: am besten aufessen.

Es ist unglaublich, aber wahr: weniger Abfalleimer bedeutet weniger Abfall. Fahrscheine werden beispielsweise vom elektronischen Kartenleser verschluckt, wenn sie abgelaufen sind. Und wenn man mal aus Versehen ein Bonbonpapier fallen lässt, hebt man es reflexartig auf und hat trotzdem noch ein schlechtes Gewissen.


Das ist das Geheimrezept: Disziplin. Sie sorgt für Nachhaltigkeit und Durchgängigkeit, jeder hält sich an die gesellschaftlichen Konventionen und sozialen Regeln. Warum? Aus Respekt vor den anderen. Kein lautes Mobilfunk-Gespräch quer durch das Metro-Abteil, kein Drängeln oder Schubsen auf der Rolltreppe. Es funktioniert.


Deshalb ist Japan auch sicher. Viele verschließen nicht mal ihre Häuser. Alles greift ineinander, wie in einem Uhrwerk. Zum Beispiel beim öffentlichen Transportwesen. Das läuft wie geschmiert. Man muss nicht groß rennen, denn es kommt eh alle 3 bis fünf Minuten ein nächster Zug oder Bus. Und der Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen hat im Schnitt ganze 30 Sekunden Verspätung. Bei der Deutschen Bundesbahn liegen wir derzeit bei unter zwei Drittel an Zügen, die weniger als geschlagene sechs Minuten zu spät in den Bahnhof einfahren. Einfach nur peinlich.


Aber wo Licht ist, ist auch Schatten: Disziplin und Struktur erzeugen auch eine gewisse Starrheit im System. Daher machen die Japaner das, was viele Inselvölker machen: sich nur sehr ungern verändern - die englischen Inselaffen lassen grüßen. Wenn man Karriere macht, dann vor allem aufgrund der Dauer der Zugehörigkeit zur Firma. Deshalb sitzen oben überall greise Entscheider - die nicht gerade vor Innovationskraft und Risikobereitschaft strotzen. Die Folge ist eine behäbige Wirtschaft und eine unflexible Bevölkerung.


Fremdsprachen sind ihnen genau das: fremd. Das hindert die Taxifahrer aber nicht daran, ihre außerjapanischen Fahrgäste in glasklarem Japanisch zuzutexten. Ohne Google Translator ist man da aufgeschmissen. Überhaupt die Taxler: meist über dem besten Mannesalter weit hinaus (weibliche Taxisten gibt’s nicht) in Anzug, Krawatte und mit Goldborte verzierter Fahrermütze, manche sogar mit weißen Handschuhen. Taxifahren ist hier wirklich praktisch und ziemlich günstig. Wir hatten nie länger als zwei Minuten warten müssen, bis ein Taxi um die Ecke kam.


Landschaftlich ist Japan unheimlich vielseitig und abwechslungsreich: im Norden wie eine schroffe skandinavische Berg- und Seenidylle, in der Mitte bewaldete Höhenzüge vulkanischen Ursprungs und schroffe Meeresküsten, im Süden mystische Wälder und einsame Flusslandschaften - und ganz im Süden auf Okinawa wie in der Karibik, nur nicht so schmuddelig. Doch egal, wo man sich in der Natur aufhält: Alles umgibt ein unwirklicher Zauber - tiefgründig und unerklärlich.


Das Verhältnis der Japaner zur Mystik und Metaphysik ist vielschichtig: im Glauben setzt man praktischerweise auf zwei Religionen gleichzeitig: dem toleranten Shinto-Glauben, der für Lebensfreude, Respekt und Gelassenheit steht, und den strengen Zen-Buddhismus, der für Regeln, Struktur und Disziplin antritt - also im Alltag Shinto, in wichtigen Lebensetappen wie Geburt, Heirat oder Tod beim Onkel Buddha antreten.


Shinto bedeutet auch: nicht nur Menschen oder Tiere haben eine Seele, sondern in jedem Ding steckt etwas Göttliches. Das erklärt ihre ausgeprägte Technik-Verliebtheit und ihre fehlende Scheu davor, Technologie ein wenig menschlich zu betrachten. Man muss nur mal ein Roboter-Restaurant besuchen.


So, das reicht fürs erste - im nächsten Blog geht der japanologische Irrsinn weiter.


 
 
 

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