Betrifft: Jammern
- georgunbehaun
- Feb 10, 2024
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Was ist nur aus unserem stolzen Heimatland, dem gefeierten und beneideten Industriestandort Deutschland geworden? Wohin früher die neugierige Welt pilgerte, um dem Erfolgsmodell ‚Made in Germany‘ ihre devote Aufwartung zu machen, finden sich heute nur noch sarkastische Nachrufe und satirische Abgesänge in der internationalen Öffentlichkeit über ‚den kranken Mann Europas‘. Germania, quo vadis? Ist der Untergang nahe? Oh mann, wir werden es nie lernen.
Wir Deutsche lieben die Apokalypse, wir suhlen uns geradezu in ihr. Da kann es gar nicht schlimm genug zugehen im kommenden Inferno. Vom wirtschaftlichem Niedergang, menschenleeren Industriebrachen, Entwicklungshilfe von mitleidigen Somaliern bis hin zur kompletten Umvolkung und Islamisierung ist da alles drin.
Das spielt vor allem den schleimigen Demagogen und ekligen Volksverhetzern von Pegida über die Identitären bis hin zu den Nazis der AfD in die braun verschmierten Hände. Denn wenn schon Sodom und Gomorrha sowie die LGBT und Gendersternchen unsere schöne eicherustikale Spießerwelt bedrohen, kann man ja auch gleich die alte löchrige Socke der Demokratie auf den Müllhaufen der Geschichte werfen.
Aber: Haben denn die Endzeit-Poeten nicht recht? Sind wir denn hier zwischen Nordsee und Bodensee nicht abgehängt von der Prosperität der Weltwirtschaft? Deutsche Autos verbrennen nicht mehr, die deutsche Chemie machen heutzutage Chinesen viel billiger, Pharma findet jetzt in Indien statt. Und man versuche mal, im bundesdeutschen Zug ein mobiles Gespräch zu führen. Wenn der bundesdeutsche Zug überhaupt gekommen ist.
Stimmt das denn wirklich alles? Zum Teil ja: Wir sind zu lange zu stolz bis arrogant auf unsere Errungenschaften in Schlüsselindustrien gewesen, bis hin zur geistigen Verfettung. Und Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall. Und jetzt fallen wir gerade, auf deutsche Art und Weise: wir gehen in Sack und Asche, holen die Geißeln raus und ziehen jammernd und warnend durch die Straßen. Denn siehe, das Ende ist nahe.
Alles schon x-mal da gewesen. Ob Anfang der 1970er Jahre in der Ölkrise, Anfang der 1980er Jahre mit der japanischen Autorevolution, zur Jahrtausendwende mit dem Platzen der Internet-Blase und 2008 mit der Finanzkrise: immer ging die deutsche Welt mit wehenden Fahnen unter. Und trotzdem: An jedem neuen Tag ging schon wieder die Sonne auf, die Apokalypse musste also wieder warten. Erstaunlich. Vor allem erstaunlich, dass man das nicht nach jeder falschen Endzeit-Prophezeihung kapiert hat: das Leben geht weiter, und wir werden wieder ganz vorne mitspielen. Wetten?
Die Scheichs kaufen uns leer? Haben sie nicht. Die Japaner klauen uns die Pole Position im Automobil-Bereich? War nix. Das Internet läuft an uns vorbei? Nö: Der größte europäische Backbone steht in Fraunkfurt. Unsere Banken gehen alle pleite? Sogar die Bad Bank Hypo Real Estate wird bald ihre Unterstützungkosten von 2008 zurückzahlen.
Und jetzt die Nach-Corona-Krise. Und die Krise der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Und die Klima-Katastrophe. Und der Ukraine-Krieg. Und die Inflation. Wahrlich viele Gründe zum Jammern. Aber es bringt nichts. Also: Nun sind mal wieder die deutschen Ingenieure am Zug.
Deren Vorteil: die denken und handeln eindimensional. „Gibt’s ein Problem? Dann gibt’s eine Lösung!“ Und dann analysiert, konzipiert, entwickelt und zum Leben erweckt. Das können wir Deutschen. Die einzigen, die das nicht glauben, sind wir selber. Andere glauben an unsere Power. Beispielsweise die Big 5: Alphabet (Google), Apple, Microsoft, Meta (Facebook), Amazon - alle haben ihre europäischen Dependancen hier in Good Old Germany. In München wird derzeit mehr für Apple entwickelt als in Silicon Valley. Und General Electric hat hier ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilung aufgebaut.
Wir haben gar keinen Grund zum Jammern.



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