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Betrifft: Generation 68


Das waren schon wilde Typen, die Vertreter der aufmüpfige Generation unserer Väter und Mütter: freie Liebe, kiffen bis zum Abwinken, die kleine Mao-Fibel in der Faust und bunte Priel-Blümchen an den WG-Küchenkacheln - sie machten Schluss mit dem reaktionären Nachkriegsdeutschland unserer Großeltern und ebneten den Weg hin zur permissiven Gesellschaft, in der wir uns alle liebhaben. Hm.


„Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Mann, waren die cool drauf. Aber: Stimmt das überhaupt? Wer, bitte schön, hat sich dann damals in diese würfelförmigen Fertigteile-Bunker im Reihenhaus-Ghetto reingekauft, mit 3,8 Quadratmetern Rasenfläche und Babybecken-Fischteich? Wer besorgte sich dazumal im Tonträger-Verkaufsraum  die neueste Single von Peter Alexander? War wohl nicht jeder so richt cool.


Aber ich will nicht unfair sein: Die Protestgeneration hat viel Positives erreicht: der alltägliche Kasernenton verschwand, sie haben die Vergangenheitsbewältigung engagiert losgetreten und den Sozialstaat wörtlich genommen. Dass so mancher Gutmensch-Aktionismus zu weit getrieben wurde, ist verzeihlich.


Aber link konnten sie schon sein, die linken Pantoffel-Revoluzzer. Ich weiß, von was ich rede, schließlich hatte ich jede Menge 68er Lehrer. Die kamen erst superlocker und kumpelhaft um die Ecke. Deshalb nahmen wir Schüler sie nicht besonders ernst. Und dann kam die andere Seite der Herrschaften zum Vorschein: die fiese. Denn statt zu brüllen oder Strafen zu vergeben, wurde der jugendliche Delinquent gerne gemobbt und bloßgestellt. Nicht die feine englische Art.


Einerseits. Andererseits ist unsere freiheitlich-demokratische bundesdeutsche Gesellschaft dank ihrer heute geprägt von Friedfertigkeit, Betroffenheit (in Frankreich ein eingebürgerter Begriff fürs deutsche Gemüt) und Verantwortungsbewusstsein. Und deshalb trennen wir Müll wie niemand auf der Welt den Müll trennt.


Einerseits. Andererseits kreide ich den Ho-Ho-Ho-Tchi-Minh-Brüllern und Brüllerinen die Verweichlichung und Verweiblichung unserer Gesellschaft an. Denn deren Kulturkampf fand präferiert in den Schulen statt. Heute sind wir alle lieb, schlagen unseren Nachbarn nicht, auch wenn er es verdient hat. Wir handeln sowas von respektvoll bis zur totalen Selbstverleugnung und vermeiden jegliche Auseinandersetzung. Die Welt ist ein Ponyhof.


Ist sie nicht. Und deshalb müssen wir wieder mühsam lernen, für unsere Ansichten, Überzeugungen und Werte zu kämpfen. Muss ja nicht mit richtigen Fäusten sein, eher mit richtigen Argumenten. Das nennt man dann Streitkultur. Erst wenn wir das geschafft haben im Zeitalter der Achtsamkeit, dürfen wir die alten 68er Rochen virtuell ins Pflegeheim schieben.


Vorher können wir ja noch ein paar Joints durchziehen.

 
 
 

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