Betrifft: Geburtstage
- georgunbehaun
- Feb 25, 2023
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Updated: Mar 3, 2023

Es gibt Dinge, die kann man vermeiden, beispielsweise den Besuch von Hochseilgärten oder Kindergeburtstagen. Und es gibt Dinge, denen kommt man einfach nicht aus, wie die jährliche individuelle Hochbejubelung nur aufgrund der Tatsache, dass man schon wieder ein Jahr älter wurde. Was gibt’s denn da groß zu feiern? Hurra, noch mehr Schrunden im Gesicht, mehr Besuche beim Hausarzt, mehr Werbewurfsendungen für den Lifter. Naja, muss man halt über sich ergehen lassen.
Zeige mir Deine Geburtstagsgeschenke und ich sage Dir, wie alt Du bist: Anfangs freute man sich noch über Lego-Steine, heute wäre die Freude eher begrenzt. Wohingegen ich als Vorschulkind wenig Freude empfunden hätte über Weinflaschen oder Krawatten - wobei ich mich, wenn ich so zurückdenke, eigentlich noch nie über Krawatten als Geschenk gefreut habe.
Der jährliche Ehrentag erinnert einen immer wieder an die Endlichkeit unseres irdischen Herumhängens. Oder wie Michel Barnier bei den Brexit-Verhandlungen immer sagte: „Se glock iiis ticking“. Und wenn mal der Herr Bürgermeister persönlich ans Pflegebett mit Blumenstrauß und Fotograf des örtlichen Käseblattes kommt, dann ahnt man, dass die Clock nicht mehr so lange tickt.
Geburtstage sind aber auch Meilensteine auf dem holprigen Lebensweg: das erste Fahrrad das man geschenkt bekam, das erste Kettcar, das man nicht geschenkt bekam, obwohl man es sich so sehr gewünscht hatte (ja, Mama, so war das!), das Auto, das man sich selbst zum 18. Geburtstag schenkte - alles Erinnerungen für ein Menschenleben.
Unvergesslich auch mein 19. Geburtstag, als ich mein geliebtes Heimatland beim Bund verteidigen durfte. An dem Tag kündigte sich der Bataillonskommandeur an, und für diesen festlichen Anlass sollte die Kaserne picobello geputzt und geschrubbt werden, dass es nur so funkelte.
Ich war sauer, denn normalerweise hatte man an seinem Geburtstag frei. Aber da der großkopferte Lametta-Träger unsere gelangweilte Kasernenruhe unterbrechen sollte, musste ich auch an meinem Ehrentag antreten. Als dann noch ein wichtigtuerischer Stabsoffizier meinte: „Gefreiter Unbehaun, Sie kehren jetzt die Wiese vom Rollsplitt frei!“, war bei mir der Ofen aus. „Du kannst mir mal den Buckel runterrutschen, ich kehre keine Wiese. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Wiese gekehrt und habe es auch in Zukunft nicht vor - vor allem nicht an meinem Geburtstag, Du Nase.“
Damit begab ich mich auf dünnes Eis, denn das war eindeutig Befehlsverweigerung, und darauf stand Knast. Aber der nicht sehr helle Kamerad verdonnerte mich dann doch nur zu einer Strafarbeit mit dem Titel ‚Wie ich mich korrekt gegenüber meinem Vorgesetzten zu verhalten habe‘. Dem habe ich dann einen Text geschrieben, der gespickt war mit Fremdwörtern und bei dem er nur Bahnhof verstand. Ich habe dann den Text meinen wehrverpflichteten Leidensgenossen abends vorgetragen und wir haben alle herzlich gelacht. Eigentlich ein gelungener Geburtstag.
Heute wäre es mir am liebsten, die Leute würden meinen Geburtstag einfach vergessen und niemand würde mich anrufen oder mir eine Mail schicken, weil sein Outlook meinen Jahrestag verpetzt hat. Und wie traurig wäre ich, wenn das wirklich so kommen würde. Keiner würde sagen: „Na, du alter Rochen, immer noch unter den Lebenden?“ oder „Dann lass Dich heute mal schööön feiern“ oder „Wir trinken heute Abend noch ein Glas auf Dich“ und so weiter und so weiter.
And se glock iiis ticking …



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