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Betrifft: Fußball


Es war einmal eine Zeit, da man sich in sportlicher Absicht auf einem Rasenplatz traf, zwei Tore in der Mitte der Querseiten aufstellte und dann versuchte, einen mit Leder überzogenen Gummi-Ballon nur mit den krummen Schweißmauken ins jeweils andere Tor zu befördern. Heute wird nicht mehr gedribbelt, sondern investiert: in einem Milliarden-Spiel. Und den Mist bezahle ich auch noch. Selbst schuld.


Die Brexit-Inselaffen jenseits des Kanals haben ihn angeblich erfunden, den guten alten Fußball - obwohl ich mal gelesen habe, dass die alten Griechen mit den abgeschlagenen Köpfen ihrer Gegner eine ähnliche Sportart ausübten. Aber sei‘s drum. Und weil sie das Patent für sich beanspruchen, meinen Sie wohl, das Recht zu haben, ihn auch heute wieder zu zerstören.


Diese Knallköppe: nicht nur auf der falschen Straßenseite brettern, sondern uns auch noch den Spaß an der schönsten Hauptsache der Welt verderben (kein Tippfehler: nix Nebensache - was bitte sollte wichtiger sein?!). Denn das runde Leder steht zum Ausverkauf: nämlich der Seele des gepflegten Balltretens. Die Vereine der Premier League überbieten sich mit zig-Millionen Pfund, arabische, russische und amerikanische Investoren kaufen sich Clubs wie andere Menschen Haustiere, andere Ligen werden leergekauft wie bei einem Heuschrecken-Angriff.


Was waren das für Zeiten, als der Vereinsrasen aus plattgetretenem Lehm bestand und die Bälle schwer wie Kanonenkugeln waren - und sich nach einem Kopfball auch so anfühlten; als ein Trikot noch keine 20 DM kostete, die Stollen mit Schraubenzieher befestigt werden mussten, die Blutgrätsche gerade erst erfunden wurde und der Station-Eintritt vom Taschengeld abgedeckt war.

Heute hat der pure Manchester-Kapitalismus im Vereinsheim Einzug gehalten: Kickende Spieler für hunderte von Millionen Euros wechseln die Vereine wie ihre Fußballstutzen. Solidarität mit dem Verein, der Stadt und den Fans? Fehlanzeige. Abgehobene Superstars als Teil des internationalen Jetsets, als Stammgäste in VIP-Medien und Klatschspalten - geil. Mit Fußball hat das alles schon lange nichts mehr zu tun.


Nur eine Insel hat überlebt im Meer von Abo-Fernsehen, Ticket-Monsterpreisen und Giganten-Merchandising: ein Münchner Traditionsverein mit dem grottigsten Stadion des Universums, mit Fans aus dem letzten Jahrtausend, die ihr alkoholgeschwängertes Leben dem Verein widmen ("ELIL - einmal Löwe, immer Löwe"; Übersetzung: "Wir wollen nie dazulernen"), obwohl er jedes Jahr seine Ziele vergeigt: dem Turn- und Sportverein 1860 München, den Löwen, den Intim-Feinden der Roten, des glorreichen FC Bayern.


Hier bei den Blauen verweigert man schlicht die Evolution, wie Oskar Matzerath in der ‚Blechtrommel‘, der beschloss, zum Wachsen aufzuhören, weil er nicht so werden wollte wie die kaputten Erwachsenen. Und so sind die Sechz'ger immer noch genauso unprofessionell wie vor 60 Jahren und gurken in der dritten Liga rum. Entweder Du heulst mit den Wölfen oder Du heulst über die Löwen …


Die gekaufte Fußball-Weltmeisterschaft im Wüstensand von Katar hat die ganze Absurdität des heutigen Weltfußballs auf die Spitze getrieben: korrupte FIFA-Funktionäre, Länder-Fußballverbände, die das üble Spiel brav mitspielen, Fußballer, die ihre Klappe zu halten haben und Fans, die aus verkleideten Arbeitersklaven des Gastgeberlandes bestehen.


Und deshalb kenne ich immer mehr ehemalige Fußballfans, die keinen Bock mehr haben auf den uferlosen Fußball-Kommerz und sich anderen Sportarten zuwenden oder in ihrer Freizeit lieber verstärkt Rasen mähen. Selbst ich als Mitglied des glorreichen FCB (Mitgliedsnummer: 222.348) und langjähriger Stadionbesucher zweifle immer mehr und überlege scharf, ob ich meine Zeit nicht anders vergeuden kann als Millionären bei der Sportgymnastik zuzuschauen. Aber meine sündhaft teuren Sky- und DAZN-Abos kündige ich natürlich nicht.


Sonst kann ich ja keine Spiele mehr sehen.

 
 
 

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