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Betrifft: Fasching


Tätääh! Tätääh! Tätääh! Willkommen in der närrischen Jahreszeit: der fünften, genannt Fasching oder Fasenacht oder Karneval oder: vergeudete Lebenszeit. Das ist einfach nichts für einen Bayern: auf Knopfdruck lustig sein, wenn man es von ihm erwartet. Das geht gar nicht. Dann ist der Bayer besonders grantig. Also warum schreibt so einer wie ich über das närrische Treiben? Weil er zu allem seinen Senf geben muss. Sorry, unverbesserliche Faschings-Fans: Da müsst Ihr jetzt durch.

Angefangen hatte es bei mir ganz sympathisch: mit Sammeln von Kamellen im Pfälzer Karneval, so mit fünf Lenzen. Die erste Belastung kam in der Grundschule. Ich war Cowboy und ballerte freudig alle Mitschüler tot. Aber es schneite recht heftig, und deshalb bestand die Hortschwester darauf, dass ich statt meinen coolen Cowboyhut eine Strickmütze aufsetzen sollte. Hat irgendjemand schon einmal einen Kuhhirten mit Strickmütze gesehen? Nein, natürlich nicht. Ich verweigerte die lächerliche Verkleidung und beendete damit schon sehr früh meine Faschingskarriere. Seitdem ist er eher eine temporäre Qual.


Eine der emotional belastendsten Erlebnisse meiner Kindheit hat mit dem hilflosen Gefühl zu tun, in einer akustischen und visuellen Endlos-Schleife gefangen zu sein: beim Betrachten der Rosenmontagszüge im Schwarzweiß-Fernsehen.

An Fasching war und ist es immer kalt, windig und regnerisch. Ich hatte zwar keine Schule, aber auch keinen Bock, den gelangweilten Fuß vor die feuchte Tür zu setzen. Also? Glotze an. Und dann? Dann wurde mir meine deutsche Heimat fremd und unheimlich: In mir völlig fremden Sprachen nuschelten und kuschelten alte Männer in verbotenem Outfit, die schon seit Stunden einen im Tee hatten. Ob ihre Kommentare lustig, peinlich oder zotig waren, weiß ich nicht. Vermutlich alles zusammen. Ich meinerseits hatte kein Wort verstanden. Es gab Live-Schalte zwischen Mainz, Köln und Düsseldorf, sah aber alles gleich aus, klang auch so. Und das Ganze stundenlang. Der Wahnsinn.

Als Student habe ich den Fasching dann ein wenig für mich wiederentdeckt: als erotisch dominierte Anbandelungs-Plattform. Die Feten der Pillendreher (also der pharmazeutischen Fakultät) waren immer die Ersten, die beste Party aber lief in den Katakomben vom Biedersteiner. Meine Beute-Bilanz aber lag weit unter meinen Erwartungen. Seidem ist endgültig Schluss mit lustig, jedenfalls für mich.

Und wenn ich einmal des Lebens müde bin, dann sehe ich mir ganz viele Folgen an von: Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht, schaue den Funkenmariechen unter ihr Tütü, lache laut bei jeder Büttenrede, rufe dauernd Helau und tanze mit den Gonsbachlerchen.

Dann fällt der Abgang sicher leicht.



PS: Das ist mein 100ster Blogbeitrag - darauf ein dreifaches Helau! Helau! Helau!


 
 
 

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