Betrifft: Deutsche Schlager
- georgunbehaun
- Jan 14, 2023
- 3 min read
Updated: Jan 15, 2023

Ich bin aufgewachsen mit deutschen Schlagern, ich kann nichts dafür. Es war nicht mein Wille, aber sie haben mein Wachstum begleitet: vom Geschnetz zum Fötus, vom Windelpupser zur Kindergarten-Rotznase, vom Schulflegel zum neunmalklugen Studenten. Wenn nicht gar: mein Wachstum behindert. Aber sie haben mir auch viel künstlerische Inspiration und philosophisch wertvolle Lebensweisheiten geschenkt - danke dafür, Marianne Rosenberg, Costa Cordalis, Bata Ilic, Karel Gott, Michael Holm, Christian Anders und all die anderen zeitlosen Träller-Heinzis.
Als ich Dieter Thomas das erste Mal live aus den Berliner Studios „… Ihres Z-D-F“ erleben durfte, da wusste ich, wie Erfolg aussieht: Minipli-Haarpracht, coole Hornbrille, erotisches Aussehen inklusive offenem, Augenkrebs erzeugendem Leinenhemd mit Brusttoupet, darunter ein breiter Tunten-Gürtel, Schlaghose und Plateau-Schuhe. So wollte ich auch mal aussehen. Hat nicht geklappt.
Erste Regungen meiner Libido waren die direkte Folge eines frivolen Songs von Bata Ilic, die singende Säge aus Belgrad, mit: „Ich möcht‘ der Knopf an deiner Bluse sein, dann kann ich nah nah nah nah an deinem Herzen sein“ und noch ferkliger geht’s dann weiter: „Und legst du nachts die Bluse hin, dann bin ich froh, dass ich in Deinem Zimmer bin.“ Sex pur, mit balkanesischem Flair.
Ich lernte musikalisch viele der schönsten Gegenden der Welt kennen und durfte von ihnen träumen: von Bora Bora, ohee, der roten Sonne von Barbados, den weißen Rosen von Athen, zusammen mit den Fischern von San Juan, von Capri und der Fischerin vom Bodensee. Gesungene Fantasien mit der Garantie zum Fernweh-Seufzen.
Schlager können Herzen öffnen. Zum Beispiel die Sängerin Ramona: schwarzer exotischer Teint, Krissel-Frisur, hupfdohlig und kreischig in der Hitparde rumhüpfend, sang das Credo, dem sich wohl jeder Mensch auf dem Erdenrund freudig anschließen würde: „Alles, was wir woll’n auf Erden, wir woll’n alle glücklich werden, du und ich und er und sie, glücklich wie noch nie.“ Wer kann, ja, wer will da widersprechen? Da leuchtet das pure Leben aus jedem Reim.
Diese schiefe Quietsch-Barbie begegnete mir medial später wieder in Form eines verwandelten Schmetterlings: als einer der drei Vamp-Weiber von „Silver Convention“ mit „Fly, Robin, Fly“ - die Evolution ist eben der beste Taschenspieler, das muss man ihr einfach lassen.
Der vielbegabte Christian Anders hatte großen Einfluss auf meine künstlerische Entwicklung, in welcher Richtung auch immer. Seine Liebesarien machten mich gefühlstechnisch erst zum Mann. Wer kennt sie nicht, die Ballade vom ‚Letzten Tanz‘?
Wie er eines Abends einsam eine Disko besucht und sie dann sieht: es war Liebe auf den ersten Blick. Und sie tanzten und tanzten bis zum frühen Morgengrauen. Schließlich verabschiedeten sie sich innig, sie trat auf die Straße, und da geschah es: „Bremsen kreischten viel zu spät.“
Er hält die Sterbende in seinen zitternden Armen, die noch leise haucht: „Vergiss ihn nicht, unseren letzten Tanz.“ und während sie ihren letzten Atemzug röchelt, hört man Christian schluchzend schmachten: „Oh no, no, no.“ Wo gibt‘s denn sowas heute noch?!
Richtig guten Sound gab‘s vereinzelt auch, zum Beispiel die Songs von Marianne Rosenberg. Mit „Er gehört zu mir“ oder „Marleen“ fand der Philadelphia-Sound Einzug in die damals eher Marschmusik-orientierte deutsche Schlagerszene.
Ihr Song „Liebe kann so weh tun, doch sie gibt auch viel (schon der Titel ein ganzes Lebensmotto!)“ war der absolute Hit in der Schwulenszene, welche die Single in 33er statt 45er Geschwindigkeit abspielte - und dann der dumpfere Sprechpart am Anfang unbeschreiblich komisch rüberkam.
Was mir glücklicherweise entging, war der Einfluss der nächsten akustischen Kernschmelze: der Neuen Deutschen Welle. Da war ich zum Glück schon der Pubertät entwachsen und konnte das Gehörte richtig einordnen: in die musikalische Sondermülltonne.
Hurra, die Schule brennt? Prima Klima in Lima? Mit dem Tretboot in Seenot? Reim Dich oder ich fress Dich. Das war so dämlich, dass es schon fast wieder lustig war, aber eigentlich schrecklich traurig. Mann, bin ich froh, dass ich nicht ein Kind der 70er bin. Das muss ja schreckliche Auswirkungen fürs geistige Wachstum erzeugt haben.
Ich muss dazu mal meine Frau fragen.



Comments