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Betrifft: Cinque Terre


Bunte Häuschen, die an der Felswand über dem Meer kleben: so unromantisch kann man eines der berühmtesten Italien-Motive beschreiben. Aber es hat schon was, diese Schuhschachtel-ähnliche Anordnung - eine Symphonie in ocker, lindgrün, dunkelrot und bernsteinfarben. Und wohin man tritt: mit ganz viel Selfie-grinsenden Touris. Eine gefühlsechte Seelenwanderung.


Cinque Terre ist eine niedliche Anhäufung von fünf Dörfern, die sich an der ligurischen Küste zwischen Genua und La Spezia an der felsigen Küste festklammern. Walt Disney hätte es nicht romantischer modellieren können. Hier ist Italien sowas von Italien, wie Italien nur sein kann. Darauf einen Aperol Spritz!

Bewegen kann man sich zwischen den ‚Fünf Erden‘ nur per pedes, per Schiff oder mit den Bimmelbahn-Zügen. Die sinf praktisch immer pünktlich, verkehren regelmäßig und sind stets sauber. Im vorigen Jahrhundert hätte ich noch geschrieben: „Da könnten sie glatt Deutsche sein“, aber das ist lange, lange her. Sänkjuforträwelingwissdeutschebundesbahn!


Jedes der Dörfer hat seinen eigenen Charakter: Monterosso Al Mare ist wegen seines Strandes beliebt, quirlig und überlaufen, hat aber nette Gassen und nette Kitschläden. Riomaggiore mäandert lieblich zum Mare und hat in der Mitte ein Loch, vermutlich für den Fluss Riomaggiore. Das verspielte Manarola ist mit Recht die meistfotografierte Dorfschönheit, im wunderschönen Vernazza hat man Boote vorm Haus statt Fiat-Kleinwagen oder Vespa-Roller und diniert im pittoresken Mini-Hafen in filmreifer Kulisse. Und Corniglia trohnt versunken über dem azurblauen ligurischen Meer.

Im Spätfrühling durchziehen hier gackernde US-amerikanische freilaufende Hühner mit ihrem College-Abschluss zwischen den Zähnen die winzigen Gassen. Vermutlich hat Instagram die gesamte Region zum Hotspot gekrönt. Ansonsten hat‘s hier fast nur Italiener - abgesehen von ein paar verstört tapsenden japanischen Reisegruppen-Rentnern mit hässlichen Hüten.


Die hier hausenden Italiener sind, wie Italiener eben immer sind: laut, mit den Armen fuchtelnd, hübsch beschuht, mega-eitel und hören immer das gleiche Lied von Eros Ramazotti (Anmerkung der Redaktion: der hat nur einen einzigen Song geschrieben, das hat jedoch erstaunlicherweise noch niemand bemerkt). An Sonn- und Feiertagen liegen sie dann alle zusammen wie die hier sehr beliebten Sardinen in der Büchse, auch genauso schön eingeölt.

Essenstechnisch bleibt der Italiener lieber beim Bewährten. Recht hat er: Never change a winning Rezept. Man nehme Weizenmehl, Olivenöl, Tomaten, Fischkram, meditterane Gewürze und viel Knoblauch tutto il giorno. Und so duftet es den ganzen Tag überall so verführerisch, dass man sogar vom Einatmen zunehmen kann - wirklich. Die zu verdrückenden Mengen sind dabei unmenschlich. Das hinterlässt so manche optische Spur, meist bei den Damen dieses Breitengrades. Den Begriff Breitengrad kann man daher auch auf deren Hüften anwenden.

In der sommerlichen Hochsaison muss es hier dem Dante‘schen Inferno nahekommen, denn die in-und ausländischen Besucher-Massen können nirgends wohin ausweichen. Aber der italienische Herdentrieb ist wohl in den Genen fest verdrahtet. Viel Spaß auch.


Ist Cinque Terre eine Reise wert? Unbedingt - denn hier reist man mit der Seele: naiv-verspielte Vorstellungen von Sommer, Sonne und Glück paaren sich mit fantastischem Essen und hervorragendem Wein, der hier in fast senkrecht angelegten Weinbergen mit der Hand geerntet wird.

Das Leben kann Spaß machen, hier im Zitronenduft-geschwängerten Paradies. Man fühlt sich zurückversetzt in ein kindliches Idyll in seiner eigenen kleinen Spielzeug-Eisenbahn - ein Idyll, das es nie gegeben hat: mit viel Geborgenheit, Lebensfreude mit tutta la famiglia. Eben dolce vita.


Meine Frau sagt: Die Dörfer sehen alle irgendwie gleich aus.


 
 
 

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