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Betrifft: Berlin


In der Hauptstadt eines Landes vereint sich die Elite der Volkes. Hier schlägt das Herz der Nation, hier wird fleißig an der Zukunft gebastelt. Wirtschaft, Industrie, Kunst und gesellschaftliches Leben treffen hier auf Tradition, Innovation und Lebensfreude. Das ist in praktisch allen Ländern dieser Welt so. Und dann gibt es noch: Berlin.

Meine selige Mutter ist in Berlin geboren, aber dafür kann ich nichts. Das Spree-Athen steht für mich für sehr widersprüchliche Dinge: respektlos-sympathische Berliner Schnauze oder grob-ungehobelter Großkotz, spannende Subkultur oder chaotischer Sauhaufen, kultureller Schmelztiegel oder Milliardengrab? Bin mir nicht sicher. Arm, aber sexy? I woaß net.

Was ist mit den Berlinern? Was sind sie wirklich? Nur ordinär, laut, eingebildet, faul? Oder witzig, selbstironisch, humorvoll und cool? Wahrscheinlich beides. Aber eines sind sie auf jeden Fall: fordernd. Denn schließlich repräsentiert man die Bundesrepublik Deutschland, da braucht es natürlich auch drei Opernhäuser. Und wenn‘s nicht reicht, dann leiht man sich eben die Knete, was soll‘s.


Aber Schulden machen ist so überhaupt nicht sexy, sondern dämlich. Denn irgendwann, so lehrt die Geschichte, muss man die auch mal zurückzahlen. Und dann fasse man mal einem nackten Berliner in die Tasche. Sei‘s drum, dann geht man eben einfach nach Karlsruhe und fordert, dass die eigenen Schulden von den anderen Bundesländern beglichen werden. Kann man ja mal versuchen, vielleicht klappt’s. Hat es nicht: das Bundesverfassungsgericht hat 2006 gegen den dreisten Antrag gestimmt. Deshalb fallen die Schrippen heute etwas kleiner aus.


Aber ich kann ja viel reden. Hier ein paar interessanten Zitate von Berlin-Fans und Berlin-Kritikern. Los geht’s mit dem Spiegel-Schreiberling Sascha Lobo: „Berlin ist die Stadt, in der man am besten scheitern kann. Denn Politik, Verwaltung und Infrastruktur sind genauso ins Scheitern verliebt. Aber das bedeutet auch, dass in Berlin viel Raum für alle möglichen und schwer möglichen Experimente ist, und weil praktisch alle schon ein paarmal gescheitert sind, ist es hier weniger schlimm und viel einfacher, ein-, zwei, drei-, vier-, fünfmal etwas komplett zu verbocken.“


Oder der Journalist Dirk Kurbjuweit: „Berlin ist die Hauptstadt, vor der sich niemand fürchten muss, nicht die Bundesländer, nicht die Nachbarstaaten. Berlin ist zu wurschtig, zu ineffizient, um dominant zu sein. Berlin ist zu lebensfroh, um anderen ein schlechtes Gefühl zu geben. Berlin ist zu schmutzig, zu verwahrlost, um anderen preußische Tugenden predigen zu können. Zum Glück.“

Interessanter Aspekt: Inkompetenz als Kompetenz. Ich weiß nicht. Berlin ist übrigens auch in Sachen Kriminalität in Deutschland die unangefochtene Nummer eins, weit vor Frankfurt und Köln. Oh München, Du Insel der Seligen.


Zum Abschluss ein Statement vom Hauptstadt-Reporter Christian Reiermann: „Anderswo sind Menschen ins Gelingen verliebt, in Berlin offenbaren sie eine merkwürdige Leidenschaft fürs Scheitern. Wie sonst ist zu erklären, dass die Berliner trotz Flughafendebakel, Wahldesaster und monatelangen Wartezeiten für einen Behördentermin mit Vorliebe stets aufs Neue eine Kombination aus Rot, Knallrot und Grün wählen, die all dies zu verantworten hat? In ihrer seit Jahren gepflegten Stümperhaftigkeit kommt die Stadtregierung der mentalen Disposition der Regierten entgegen: Die Berliner pflegen einen Kult der Unzulänglichkeit, für den sie auch noch bewundert werden wollen.“ Nun, diesmal darf eine schwarz-rote Koalition ran. Das wird eine ganz neue Variante des kollektiven Scheiterns,


Einen hab' ich noch - eine interessante Diskussionsthese: "Wäre es nicht preiswerter gewesen, Berlin abzureißen und es neben einem funktionierenden Flughafen wieder aufzubauen?"


Sollte man man drüber nachdenken.

 
 
 

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