Betrifft: Apokalypse
- georgunbehaun
- Sep 24, 2022
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Updated: Sep 25, 2022

Bekanntlich hat ja nur die Wurst zwei Enden, mit allem anderen ist irgendwann mal Schicht im Schacht. Warum sollte das mit unserem blauen Planeten anders sein? In 7 Milliarden Jahren ist sowieso Ende im Gelände, dann explodiert die Sonne - und tschüß. Doch manche sind der Überzeugung, das könnte früher kommen. Und die nerven ganz gewaltig.
Zu meiner Bundeswehr-Zeit wohnte ich einer 22-Quadratmeter-Wutze in der verschlafenen Münchner Au, ohne Spion an der Eingangstüre - und war vielleicht deshalb ein besonders beliebtes Opfer für die Zeugen Jehovas. Die besuchten mich regelmäßig am Samstagvormittag, kurz vor dem Einkaufsgang, um mit mir einmal über Gott zu reden.
Sie machten mir klar, dass das Weltenende recht bald zu erwarten war. Beide freundlich lächelnden Damen waren ein wenig anstrengend, denn die eine der beiden - mir blieb ihr gehäkelter Glockenrock in warmer Erinnerung - zog nach ein paar Minuten ihre Bibel raus, die von einer schwarzen Mappe mit Reißverschluss geschützt wurde. Und das machten sie Samstag für Samstag. Ich war wohl eine echte Hoffnung für eine rettungsbedürftige Seele. Ist dann doch nix draus geworden.
Ich war damals recht gut erzogen, und so ging ich auf den aufgezwungenen
Dialog mit den beiden fidelen Endzeit-Prophetinnen munter ein. Das zog die Besuche endlos hin, oft bis zum mittäglichem Ladenschluss.
Durch diese philosophisch erschöpfenden Dispute hat sich - gefühlt - mein Lebensende immens in die Länge verschoben, vergleichbar mit der empfundenen Zeitkrümmung an der Supermarktkasse, wenn erst der Azubi-Tippse die Kassenzettel-Rolle ausgeht und dann die alte Dame vor einem die Eurocent-Stücke einzeln auf den Verkaufstresen klimpert.
Ich hatte mal einen Finanzberater, der zugleich Adventist war. Das ist nicht etwa jemand, der das ganze Jahr Kerzen am Adventskranz ankokelt, sondern ein ‚Wir freuen uns auf die baldige Rückkehr des Herrn‘-Jünger. Wenn ich zu ihm kam, erklärte er mir erst einmal wort-und bildreich, dass die Apokalypse des Johannes nun in ihre entscheidende Phase eingetreten sei („Ich erwarte den Jüngsten Tag so kurz nach dem Jahr 2000“), um anschließend mit mir über meine Rente zu sprechen.
Damals bekam ich erste Zweifel an seinem Verstand und an seinem Sachverstand. Das verstärkte sich, als er eine fette Summe meines väterlichen Erbes in Gottes Sand setzte. Und das mit dem Ende aller Tage hat er nachweislich auch nicht so richtig präzise getroffen.
Aber nun scheint es langsam aber sicher soweit zu sein. Man muss nur die Nachrichten verfolgen: da ist alles dabei für einen zünftigen Weltenbrand - von Klima-Infarkt über Russenterror und gelber Gefahr bis hin zu Trump-Wiederkehr und Fußball-Weltmeisterschaft im Dezember. Im Dezember! Fanmeile mit Punsch-Dusche. Ich darf gar nicht dran denken.
Wenn das immer noch nicht reicht, dann nähert sich garantiert wieder irgendein Komet, der sich vorgenommen hat, hier alle Lichter auszublasen. Da kann man schon hier oder da ins Grübeln kommen, wenn man mit dem SUV zum Glascontainer fährt. Und so manchem sensibleren Gemüt verleidet es den ganzen Spaß am Leben. Sicher, man kann auch verzweifeln. Kann man. Muss man aber nicht.
Ich meinerseits halte es mit den biblischen Werten Glaube, Liebe und Hoffnung: den festen Glauben, dass das Spiel erst zu Ende ist, wenn der Große Schiedsrichter abgepfiffen hat; die große Liebe zum Leben hier und jetzt; und die Hoffnung, dass den ganzen apokalyptischen Schmierfinken mit jeder Spaßverderbung eine neue Hämorroide wachsen möge - eine juckende! Und die vier Apokalyptischen Reiter können mir auch gestohlen bleiben. Ich mag sowieso keine Pferde.
Übrigens: Die beiden reizenden Zeuginnen Jehovas bekam ich erst los, als mein Kumpel sich ihrer annahm und sie fragte, ob sie denn noch die Wachtturm-Ausgabe September 1916 hätten, die würde seiner Oma noch fehlen, und er sie danach noch recht zotig anmachte. Das fanden sie gar nicht lustig.
Ich schon.



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