Betrifft: Achtsamkeit
- georgunbehaun
- Aug 10, 2024
- 2 min read

Alle reden davon, kaum einer weiß so richtig, was es bedeutet: die vielzitierte Achtsamkeit. Ist das nur irgendein neuer Weichspüler-Wohlfühl-Wirhabenunsallelieb-Krempel? Oder so eine Art Zen-Buddhismus für gestresste Mitteleuropäer? Macht es uns wirklich glücklicher oder ist das nur ein neuer sinnfreier Beitrag zum Thema ‚Yoga fürs Gehirn‘? Wir werden’s rausfinden.
Aber: was ist das eigentlich genau? Wikipedia meint dazu „Achtsamkeit (englisch mindfulness) bezeichnet einen Zustand von Geistesgegenwart, in dem ein Mensch hellwach die gegenwärtige Verfasstheit seiner direkten Umwelt, seines Körpers und seines Gemüts erfährt, ohne von Gedankenströmen, Erinnerungen, Phantasien oder starker Emotionen abgelenkt zu sein, ohne darüber nachzudenken oder diese Wahrnehmungen zu bewerten.“
Aha. Schön. Ich ziehe daraus, dass man sich eben mehr bemühen muss, gut zuzuhören, seine eigenen Vorurteile beiseite zu schieben und möglichst neutral seine Kreise zu ziehen. Blabla.
Meine eigene Firma hat sich dazu auch etwas Tiefschürfendes überlegt. Und das Ergebnis ist sowas von gaga, dass ich es hiermit freudig zum Besten gebe.
Es geht schon gut los: „Inklusives Schreiben und Storytelling ist eine Möglichkeit, Inhalte zu erstellen, die die Vielfalt und die Erfahrungen unseres Publikums auf gerechte und integrative Weise widerspiegeln.“ Gerecht und integrativ? Klingt komisch? Ist das eine therapeutische Sitzung oder eine Wissensvermittlung?
Und dann geht’s richtig los - mit Regeln politisch korrekter Formulierungen: Mitarbeiter sind nicht schwarz, sondern farbig, das generische Maskulinum ist stets zu vermeiden, also: „Steuerzahler müssen ihre Steuererklärungen rechtzeitig einreichen.“ Statt: „Jeder Steuerzahler muss seine Steuererklärung rechtzeitig einreichen.“
Nächste Anweisung zur Geschlechter-Gerechtigkeit: „Verwenden Sie eine alphabetische Reihenfolge oder wechseln Sie Frauen und Männer absichtlich ab, wenn Sie eine Gruppe oder Liste von Personen präsentieren.“ Das wird die Emanzipation in ungeahnte Höhen katapultieren, da bin ich mir ganz sicher.
Huhu haha. Also bitte auch nicht Ehemann oder Ehefrau, sondern gefälligst Ehegatte oder Lebenspartner, nicht mehr „Meine Damen und Herren“, sondern „Verehrte Gäste“.
Es wird noch schräger: „Seien Sie sensibel, wenn Sie Wörter oder Metaphern im Zusammenhang mit Behinderungen verwenden, die negativ konnotiert oder für eine Gruppe beleidigend sein können.“ Beispiel gefällig? Nicht erlaubt: „Forderungen nach strengeren Cybersicherheitsprotokollen stießen auf taube Ohren.“ Korrekt: „Sie ignorierten die Forderung nach stärkeren Cybersicherheitsprotokollen.“
Noch bescheuerter: „Das Unternehmen verschloss die Augen vor den Auswirkungen der sich entfaltenden Makrotrends.“ ist pfui, „Das Unternehmen schenkte den Auswirkungen der sich entfaltenden Makrotrends keine Beachtung.“ ist brav. Letztes Gaga-Neusprech: Nicht von „unerfahren“ sprechen, sondern von „Profi mit 0 bis 1 Jahr Erfahrung“. Wenn es nicht so traurig wäre, dann wäre es ziemlich lustig. Ist es aber nicht.
Dahinter steckt eine Denkweise, die ich als extrem gefährlich ansehe: Das Lösen von Problemen mit veränderter Sprache. Und das ist Blödsinn. Unsere Welt ist ungerecht, unfair und nicht geschlechterneutral, weil wir uns so verhalten - nicht, weil wir so sprechen. Man verwechselt Ursache und Wirkung. Soweit so dämlich. Der Schwachsinn regiert. Was tut man nun dagegen? Genau das, was uns Karl Valentin in dem Fall geraten hätte:
Es nicht einmal ignorieren.



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